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Donnerstag, 14. Februar 2008

Hart aber fair: Dick, dicker, deutsch

Spannende Diskussionsrunde über mein aktuelles Lieblingsthema bei Frank Plasberg, der die gestrige Sendung Hart aber fair mit den folgenden Fragen zuspitzte: Zu viel Pizza, zu viel Pommes– jeder zweite Deutsche ist zu dick. Schon unsere Kinder wiegen viel zu viel. Die Folgen können dramatisch sein: Depressionen, Diabetes, Herzinfarkt. Doch wer hat Schuld?

Am Ende ausgerechnet die Schuldfrage. Hätte man sich auch sparen können. Schuldzuweisungen haben, wie ich finde, selten konstruktiven Charakter, sie lenken ab und führen oft dazu, dass Probleme nur in einem gegeneinander Aufrechnen von Einzelaspekten zerredet werden, statt einen Blick für die Summe aller Faktoren gewinnen zu können. Für mich also der falsche Ansatz, obwohl die Sendung trotzdem sehr gut und wichtig war (hier online web tv). Und das lag nicht zuletzt an den vielen informativen Einspielern von Frank Plasberg. Die Gäste fand ich nahezu durchgängig nur mässig bis gar nicht überzeugend. Horst Seehofer, Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz wollte wohl beweisen, wie aktiv sein Ministerium in Ernährungsfragen ist, Snackhersteller Werner Wolf versuchte zu vermitteln, wie gut seine Podukte sind und dass die Industrie die wahren Ursachen der Fettleibigkeit nicht nur erkannt hat sondern sogar dagegen vorgeht (nein, die Produktion von Chips wird nicht eingstellt, man unterstützt lieber Fitnessprogramme mit denen die Chipskalorien wieder abtrainiert werden können). Sarah Wiener verbiss sich leider in Fragen über Lebensmittelzusatzstoffe und führte ausgerechnet Zitronensäure (E 330) an, die jedoch sogar von Ökotest als gesundheitlich unbedenklich eingestuft wird und ungefähr so viel zur Verfettung der Menschen beiträgt wie eine Aspirintablette. Über die von Sarah gerne verwendeten Zutaten Butter und Sahne in ihren über das Fernsehen verbreiteten alpenländisch ausgerichteten Rezepten hätte Plasberg auch reden können, wenn er hart gewesen wäre. War er aber in diesem Punkt nicht. Von Sarah wiederum hatte ich mir eine stärkere Hinwendung zur Kochkultur gewünscht, die ihr leider nur ansatzweise gelang. Thilo Bode von foodwatch war mir zu sehr mit der Geißelung der Lebensmittelindustrie beschäftigt, und dass Schauspieler Reiner Hunold mal wieder sein Image als XXL-Model pflegt und über die gesellschaftlich ausgegrenzten Dicken jammert, war ohnehin zu erwarten.

Mein Fazit aus der Sendung ist, dass die vielen Faktoren, die Übergewicht verursachen, in einem gesellschaftlichen Diskurs augeleuchtet und in einem Gesamtkonzept angegangen werden müssen. Für mich ergibt sich folgendes Ranking bei den Ursachen: wachsende Armut, fehlende Bildung, mangelnde Eigenverantwortung, zu geringe Reglementierung der Lebensmittelindustrie, mangelnde Kochkultur.
Was man meiner Meinung nach ganz konkret tun sollte, neben einer ganz allgemein formulierten, gesamtpolitisch am Wohl der Vielen ausgerichtete Arbeits-, Sozial- und Bildungspolitik, hier mal in loser Reihenfolge:

– Adidpositassteuer für Junk-Food-Produkte zur Finanzierung von Ernährungsprojekten
– Ganztagsschulen mit einer für Kinder aus bedürftigen Familien kostenlosen, gesunden Verpflegung
– Koch- und Ernährungsunterricht als Pflichtfach in den Grundschulen
– staatliche Kampagnen zur Vermittlung von Ernährungswissen
Ampelkennzeichnung für Lebensmittel einführen (wie in England)

Und dann war da noch die Sache mit der Wurstvergleichsverkostung in der Sendung, bei der keiner, wirklich keiner der Gäste bemerkte, dass eine der beiden Würste nahezu fettfrei hergestellt wurde. Die Wurst stammt aus der Metzgerei von Josef Pointner, der sie mit Unterstützung des Fraunhofer Instituts entwickelte und zum Patent angemeldet hat.

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3 Antworten zu “Hart aber fair: Dick, dicker, deutsch”

  1. Friedrich Bolle sagt:

    Bei den kalorienarmen Säfte und anderen Produkten hat man festgestellt, dass mehr gegessen wird, als bei ” normalen ” Produkte.
    Etwas ähnliches dürfte sich auch beim Konsum der kalorienarmen Wurst einstellen oder ?

    Solange wir das tägliche Essen nur als Hungerbefriedigung ansehen, solange die Mittagszeiten im Job

  2. Firedancer sagt:

    Mich beschleicht mittlerweile ein komisches Gefühl, was beim Lesen dieses Artikels einen schalen Beigeschmack hinterlässt: Wieso glauben eigentlich alle möglichen nicht dicken Leute, dass sie wüssten, wie man sich als Dicker fühlt, oder noch besser:Man bekommt ständig Ratschläge, was man besser machen kann.

    Ganz grosses Kino. Ja, ich bin dick, bin nicht stolz darauf, aber wieso wird gerade bei solchen Diskussionen und auch hier im Blog, so undifferenziert vorgegangen?

    Ich ernähre mich, relativ von den Zutaten und Allem gesehen, recht gut. Nur esse ich zuviel und habe zwischendurch Fressanfälle. Diese kommen sicher nicht von mangelnder Bildung, schlechter Produkte oder anderer Dinge. Bei vielen Menschen ist sowas psychisch bedingt und gar nicht so einfach rauszukriegen.

    Und ja, als dicker Mensch wird man ausgegrenzt, als ob man Pest oder andere ansteckende Krankheiten mit sich rumträgt. Ständig gibt es Kommentare von Freunden, Familie, Bekannten…Soll ich mich jetzt jedes Mal darüber aufregen, dass diese sich nur Fertiggerichte in den Leib stopfen und dazu ihre Vitamintabletten fressen wie andere Leute Kaugummi kauen? Das die Küche nur noch auf Spülmaschine, Gefrierschrank und Mikrowelle minimiert wird? Das eine einfache Pizza (selbst hergestellt, nicht TK) schon zuviel verlangt ist? Das Wasser heiss machen heutzutage schon als Kochen gilt? Das die Zigarette danach (nach dem Essen) mehr zelebriert wird als ein gutes Spaghetti-Gericht?

    Dick sein ist bei weitem nicht gesund, aber Entschuldigung, die überhebliche Art mancher Menschen ist wirklich unangebracht.

    Ich persönlich kaufe keine Produkte mehr wo: Light, Süßstoff oder Konservierungsstoffe draufstehen. Ich habe 7 Monate lang in einem Land gelebt, wo es sowas noch nicht in dem Maße gibt und mein Gott, das Essen schmeckt einfach noch. Es ist in Deutschland ja schon schwer genug, einen Joghurt zu finden der nicht Voll-ENTfettet ist, oder mit Süßstoff gesüßt wurde.

    Im Übrigen stimme ich ihrem Maßnahmenkatalog allerdings zu. Denn es gibt ja noch mehr Ursachen als psychischen Stress.

  3. klada sagt:

    Einverstanden, die Ausgrenzung von Dicken ist wahrlich kein geeignetes Mittel, um das unbestreitbare Problem von Fehlernährung anzugehen. Gleichwohl empfinde ich die Kultivierung von Dicksein, egal ob durch Werbespots oder Sendungen wie Kochduell, als völlig falsches Signal. Es geht auch nicht um Verzicht, sondern um gesundes, vielseitiges und schmackhaftes Essen. Wer verantwortungsvoll Kinder großziehen will, sollte meiner Ansicht nach in Sachen Ernährung beispielhaft vorangehen, denn Probleme durch Fehlernährung in der Kindheit sind später nur noch schwer zu korrigieren. Klar ist das unter Umständen sehr schwer, aber letzten Endes liegt es ja auch im eigenen Interesse.

    kompottsurfer

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