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Samstag, 15. November 2008

Etikettenschwindel oder nicht? stern nimmt Weinsammler Hardy Rodenstock ins Visier

MoutonAls ich vorgestern den stern aus dem Briefkasten zog und auf der Treppe zu meiner Wohnung das Inhaltsverzeichnis durchblätterte, blieb mein Blick im Ressort Deutschland hängen, wo eine Story über dubiose Methoden des Weinraritätensammlers Hardy Rodenstock angekündigt wird. Ja, das ist der Mann, der seit zweieinhalb Jahrzehnten für Aufsehen sorgt, weil er immer wieder Flaschen am Start hat, die so außergewöhnlich sind, dass es jeden Weinliebhaber von Stuhl reißt. Große Zweifel an der Echtheit der Weine wurden öfter mal laut, besonders aber weckten jene raren Flaschen Misstrauen, die das Kürzel des dritten amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson zierten und angeblich aus dessen Besitz stammten. Für einen 1787er Chateau Lafitte (in der heutigen Schreibweise Lafite), den Rodenstock verkaufte, legte ein Sammler 105.000 britische Pfund hin. Der klagt nun schon seit Jahren vor amerikanischen Gerichten, dass ihm da Fälschungen untergejubelt worden seien. Heikel ist vor allem die Frage, ob das Schriftzugkürzel von Thomas Jefferson echt ist. Über den Wein ist damit noch nichts gesagt.
Im Gegensatz zum geschätzten Kollegen Mario Scheuermann (drinktank), der von einer Rufmordkampagne spricht, hat mich der stern-Beitrag positiv beeindruckt, weil die Autoren durch hartnäckige Recherche einige Dinge zutage gefördert haben, die eine grundsolide Skepsis gegenüber den Geschäftspraktiken von Hardy Rodenstock durchaus rechtfertigen.

Unabhängig von einigen anderen einleuchtenden Argumenten, finde ich zwei Punkte besonders bedenkenswert: Es scheint tatsächlich so zu sein, dass Hardy Rodenstock in größerem Umfang Etiketten rarer Weinflaschen hat nachdrucken lassen, die auf altem, vergilbten Papier gedruckt wurden. Das ist – meiner Ansicht nach – in höchstem Maße erklärungsbedürftig, zumal die Originaletiketten über das Weingut durchaus beschaffbar gewesen sein dürften. Aber dafür hätten die Weine dort vorgestellt werden müssen. Falls die Chateaus die Etiketten nicht mehr vorrätig gehabt haben, sollte sich ja klären lassen, ob in den jeweiligen Einzelfällen von Rodenstock zumindest angefragt worden ist. Dass zumindest in einem Fall ein nachgedrucktes Etikett auf eine Flasche geklebt wurde, dafür gibt es, nach Angaben des stern, offenbar auch Beweise.

Außerdem wird vom Generaldirektor des Chateau Mouton-Rothschild, Hervé Beland, das Etikett einer 1945er Flasche im Jéroboam-Format als “mit bloßem Auge erkennbar falsch” bezeichnet. Wie aber kommt das Etikett auf eine von Rodenstock in Umlauf gebrachte Flasche? Auch das halte ich für unbedingt erklärungsbedürftig.

Bin gespannt, welchen Fortgang die Geschichte nimmt.

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8 Antworten zu “Etikettenschwindel oder nicht? stern nimmt Weinsammler Hardy Rodenstock ins Visier”

  1. Mario Scheuermann sagt:

    Wenn Sie weiter gelsen hätten z.B. hier:

    http://drinktank.blogg.de/eintrag.php?id=2636

    und dann vor allem hier:

    http://drinktank.blogg.de/eintrag.php?id=2637

    wüssten Sie, dass an der Darstellung des stern mehr als nur Zweifel angebracht sind.
    Und in den kommenden Tagen werde ich den Rest auch noch auseinandernehmen. Danach werden sich mit Sicherheit die Gerichte damit beschäftigen nicht gegen Rodenstock sondern gegen den stern.

  2. klada sagt:

    Erst mal sei gesagt, dass ich mich an keiner Schlammschlacht beteiligen möchte, gegen wen auch immer. Es geht mir lediglich darum, die vorliegenden Fakten zu bewerten. Natürlich habe ich auch die anderen Beiträge auf drinktank gelesen, aber die Frage, warum zum Beispiel Hervé Beland von Mouton-Rothschild von einer Fälschung spricht, bleibt aus meiner Sicht immer noch offen. Lügt der Mann etwa,und wenn ja, warum tut er das? Hat er keine Ahnung? Aber warum ist er dann in dieser Position? Oder hat der stern das Statement frei erfunden? Das wäre natürlich ein starkes Stück, aber offen gestanden erscheint mir das nicht sehr wahrscheinlich. Und treue kompottsurfer-Leser wissen, dass ich auch den stern nicht verschone, wenn ich anderer Meinung bin (siehe http://blog.rewirpower.de/index.php/2008/06/09/stern-reitet-unseriose-attacke-gegen-ferran-adria-und-co/). In diesem Fall finde ich die Story aber durchaus plausibel. Und aus journalistischer Sicht kann ich nur sagen: Die Geschichte muss man machen, bei so viel heißem Stoff.

    Die im drinktank vorgetragenen typographischen Argumente finde ich durchaus gewichtig, aber nicht durchschlagend. Es bleiben zu viele Fragen offen. Zum Beispiel: Was hat es mit diesen dubiosen Nachdrucken auf sich? Ist das Ganze auch nur vom stern erfunden? Ehrlich gesagt, ich glaub’s nicht. Und was ist mit den nachgedruckten Etiketten passiert?

    Es ist mir derzeit einfach zu vieles ungeklärt, als dass ich mich auf die Seite von Rodenstock schlagen könnte. Aber ich lasse mich wirklich gerne überzeugen. Argumente, die dazu angetan sind, habe ich allerdings noch nicht gehört.

    der kompottsurfer

  3. Mario Scheuermann sagt:

    Ich befürchte Hervé Beland kennt nur die aktuellen Nachdrucke von Mouton und hat einfach unbedacht dummes Zeug geschwätzt., Er wäre nicht der Erste in Bordeaux. Tatsache ist, dass das angeblich gefälschte Etikett in allen typographischen Details dem Original-Design aus den 1940er/1950er Jahren entspricht. Und was noch schwerer wiegt: es ist nicht wie vom Stern behauptet das Etikett von der Jéroboam der Rodenstock-Probe aus dem Dezember 2007. Das habe ich im Planet Bordeaux inzwischen publiztiert und es liegen mir mehere hochauflösende Fotos vor, die für mich nur den Schluss zulassen, dass es allem äusserlichen Anschein nach echt ist.

    Was die angeblichen Nachdrucke betrifft, gibt es dafür keinen einzigen Beleg. Es ist dem stern trotz monatelangen Recherchen – und ich weiss von vielen die befragt wurden – nicht gelungen ein einziges dieser angeblich nachgedruckten Etikette aufzutreiben. Behaupten kann man viel, aber wenn man es dann nicht belegen kann, wird man vor Gericht eine Niederlkage einstecken. Die erste hat der stern bereits kassiert.

    Es geht im übrigen nicht darum sich auf eine Seite bzu schlagen, sondern darum alle genannten Fakten zu hinterfragen. Nur soviel: wenn ich mit meiner Serie fertig bin, wird von den Vorwürfen des stern nichts übrig bleiben ausser übler Nachrede.

  4. klada sagt:

    Ich werde das auf jeden Fall aufmerksam weiter verfolgen. Was allerdings Gerichtsentscheidungen angeht, so sehe ich die nicht unbedingt als Gradmesser für Wahrheit. Da gibt es Urteile, aber selten die Wahrheit zu hören. Im Gegenteil, sie interessiert die Gerichte oft gar nicht, oder wird ignoriert. Prominente Beispiele gibt es zuhauf. Wenn ich nicht irre, verlor Lance Armstrong keinen entscheidenden Prozess, wo es um Dopingvorwürfe gegen ihn ging, trotzdem halte ich es für legitim, die bekannten Fakten darzustellen und bin froh, dass es Journalisten gibt, die dranbleiben. Ich will nicht beide Fälle miteinander vergleichen, sondern nur deutlich machen, wie viel von Gerichtsurteilen zu halten ist. Es dürfte jedenfalls kaum einen ernstzunehmenden Menschen geben, der es aufgrund der erdrückenden Faktenlage nicht für wahrscheinlich hält, dass Armstrong gedopt hat. Eine Indizienlage wie bei Rodenstock reicht für eine Story, wie sie der stern gemacht hat, meines Erachtens aus.

    Wenn Beland zurückrudern würde und zugäbe, dass er dummes Zeug geschwätzt hat, weil er vor den Fakten nicht flüchten kann, und wenn die Familie Kluth sagen würde, dass sie niemals Etiketten für Rodenstock nachgemacht hätte, dann sähe die Lage für mich schon anders aus. Nach meiner Ansicht ist den Autoren des Beitrags – nach jetzigem Stand – jedenfalls keine grobe Nachlässigkeit vorzuwerfen. Sicher haben sie die Story zugespitzt, aber das würde ich noch als übliche Verkaufe abhaken.

    Ich sage ausdrücklich nicht, dass Hardy Rodenstock Weine manipuliert hat. Aber es gibt nun mal eine Menge Ungereimtheiten. Vielleicht wird Hardy Rodenstock die Dinge ja höchstselbst aufklären können. Es würde mich wirklich freuen.

  5. Mario Scheuermann sagt:

    Sie werden es erleben. Ich bin überzeugt, dass sich die Anschuldigungen der Familie Kluth genauso erledigen werden wie die jenes Münchner Hausbesitzers, der auch üble Nachrede gegen Rodenstock betrieben hat und inzwischen ganz brav eine UInterlassungserklärung unterschrieben hat. Dazu und zu den Praktiken des stern mehr in den nächsten Tagen.

    Was Herrn Beland betrifft gehe mal davon aus, dass er sehr wohl weiss, dass das 1945er Mouton-Etikett mindestens einmal, wahrscheinlich sogar mehrmals von Mouton nachgedruckt wurde und dabei seine Form veränderte. Wenn er dies tatsächlich leugnen würde, dann würde er allerdings in einer schlimmen und groben Weise die Unwahrheit sagen.

  6. Mario Scheuermann sagt:

    Noch ein kurzer Nachtrag:
    es gibt nach der mir zugänglichen alten Literatur vor 1980 keine Abbildung eines 1945er Moutona, auf der das Etikett dem entspricht, das der stern als Original bezeichneit. Die sehen im Detail vielmehr alle aus wie das Rodenstock-Etikett.

  7. Mario Scheuermann sagt:

    Inzwischen wird die Rolle von Monsieur Berland immer dubioser. Der sagt mal so und mal so. Jedenfalls scheint er nach meinen Recherchen René Gabriel das Gegenteil von dem erzählt zu haben, was er angeblich dem stern gesagt hat.

  8. HKR-Welt sagt:

    …ist ja heavy… guter Blog :)

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