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Dienstag, 28. Juli 2009

Don’ call it Schinken (4): ttz-Chef Werner Mlodzanowski im kompottsurfer-Interview

MLWerner Mlodzianowski leitet als Geschäftsführer des ttz Bremerhaven eines der angesehensten Technologiezentren in Deutschland mit Schwerpunkt Lebensmittel- und Biotechnologie sowie Umwelt- und Verfahrenstechnik. Den kompottsurfer interessierte, was er zu Mogelschinken, Analogkäse und anderen Entwicklungen auf dem Lebensmittelmarkt zu sagen hat.

kompottsurfer: Analogkäse, Mogelschinken und Lügengarnele – ist das Problem wirklich so elementar, oder grüßt da nur das Sommerloch?
Werner Mlodzianowski: Eins mal vorweg: Natürlich müssen Hersteller gewährleisten, dass ihre Produkte unbedenklich sind und draufschreiben, was wirklich drin ist. Und meistens tun sie das auch …

Aber oft nur so klein gedruckt, dass der Verbraucher eine Lupe braucht, um die Zutatenliste entziffern zu können.
Dann sollten die Hersteller meinetwegen dazu verpflichtet werden, die Inhaltsstoffe nicht in 4-Punkt-Typographie sondern in 14-Punkt aufzudrucken.

Geht es bei der ganzen Debatte also nur um ein Kennzeichnungsproblem?
Keinesfalls. Aber einige Apokalyptische Reiter machen das angesprochene Problem größer als es ist.

Inwiefern?
Wenn ich schon diesen Kampfbegriff „Analogkäse“ höre. Was ist denn Margarine? Analogbutter? Würde auf den Verpackungen „Pflanzenkäse“ stehen, denn im Grunde ist es nichts anderes, hätten wir die Debatte gar nicht. Es entsteht im Moment nämlich der Eindruck, die Industrie wolle die Menschen vergiften. Das ist natürlich nicht so. Kein Industrieunternehmen tritt an, um die Verbraucher zu vergiften, das wäre auch ökonomisch ziemlicher Unfug. Wir sollten also differenzieren. Dass dieser so genannte Käse ein minderwertiges Produkt ist, das weder Sie noch ich essen wollen, steht doch außer Frage. Aber wir haben hier keinen Skandal wie bei BSE oder Gammelfleisch.

Also reden wir über Produktqualität.
Das ist das eigentliche Thema. Käse ist eben nicht gleich Käse, mal ganz abgesehen von der Kennzeichnung. Aber in Deutschland gehen die meisten Verbraucher davon aus, dass es bei der Qualität von Lebensmitteln ein ungefähr einheitliches Niveau gibt ….

… was, erklären würde, warum größere Preisunterschiede bei Grundnahrungsmitteln so viel Unverständnis bei den Konsumenten hervorrufen und das Thema für Boulevardzeitungen titeltauglich ist.
Die Qualitätsunterschiede sind riesig, in fast allen Lebensmittelbereichen. Auch wenn das im Angebot von Supermärkten und Discountern nicht unbedingt widergespiegelt wird. Und natürlich sind auch die Preise höchst uneinheitlich. Letzten Endes geht es doch um die Frage: Was bedeutet mir die Qualität von Lebensmitteln, und was bin ich bereit, dafür zu bezahlen? Dazu kommt die Bequemlichkeitskomponente. Ich denke, die meisten Menschen in Deutschland wollen möglichst wenig Zeit für die Zubereitung von Essen aufwenden. Das drückt sich dann auch im Angebot aus. Aber noch mal zurück zu den Preisen. Wenn man mal eine Preisstrahlüberlegung bei Schokolade anstellt, dann reden wir über eine Spanne von etwa 39 Cent bis 20 Euro für eine 100 Gramm Tafel. Hochwertige, teure Lebensmittel gelten den Deutschen in ihrer Mehrzahl als verschwenderischer Luxus, das teure Auto ist dagegen Prestigeobjekt des kleinen Mannes.

Warum geben die Deutschen denn vergleichsweise so wenig Geld für Lebensmittel aus. Der Anteil an den gesamten Konsumausgaben macht nur etwa zwölf Prozent aus. Das ist im internationalen Vergleich der Industrieländer sehr gering.
Das ist eine Frage, die mal gründlich von Sozialwissenschaftlern ausgeleuchtet werden müsste. Die Japaner liegen im internationalen Vergleich jedenfalls recht weit vorne. Auch die Lebensmittelqualität ist dort am höchsten. Womit wir beim zu Unrecht in Verruf geratenen Surimi wären, das in Japan eine Jahrhunderte alte, traditionelle Fischzubereitung ist. Es ist doch positiv, dass nicht nur die Fischfilets als Nahrungsmittel dienen, sondern auch die Reste dem Verzehr zugute kommen. Wir gehen einfach viel zu verschwenderisch und respektlos mit unseren Ressourcen um.

Hierzulande sind die Imitate aber oft wie Garnelen geformt und werden dem unbedarften Verbraucher als solche unterjubelt.
In den meisten Fällen steht drauf, was drin ist. Und wer mit dem Originalprodukt nur ein bisschen vertraut ist, sollte schon am Äußeren schnell erkennen können, dass er keine echten Garnelen vor sich hat. Wenn aber der Verbraucher arglistig getäuscht wird, muss das, wie schon gesagt, Sanktionen nach sich ziehen. Im Gegensatz zu Surimi ist Trüffelöl eine Verbrauchertäuschung ersten Ranges.

Weil das Zeug zumeist nur eine Mixtur aus billigem Öl und synthetischem Trüffelaroma ist.
Richtig. Aber ich sage es noch einmal: Es geht von all’ diesen Produkten keine unmittelbare gesundheitliche Gefährdung aus, also handelt es sich auch nicht um einen Lebensmittelskandal. Im Übrigen regelt der Handel das Problem zumeist sehr schnell selbst und sortiert falsch ausgezeichnete Produkte aus.

Haben die deutschen Verbraucher das Verhältnis zum Ursprung der Produkte verloren?
Ja, die Trennung von Rohstoff und Produkt kennzeichnet schon seit Jahren das Kaufverhalten. Vor allem in Bezug auf Fleisch. Ich nenne das den “entbluteten Konsum“. Wie es anders gehen kann, zeigt ein Beispiel aus den USA, wo der Konsument die Möglichkeit hat, ein lebendiges junges Huhn zu kaufen, für das er Futter auswählt und bezahlt und das er am Ende selbst schlachten muß. Fleisch essen bekommt so seine ethische Dimension zurück.

Das Beispiel spricht dafür, dass es vereinzelt auch verantwortungsbewusste Konsumenten gibt. Aber die Mehrheit frisst nun mal fast jeden Mist. Müsste der Staat nicht viel stärker reglementierend eingreifen und zum Beispiel Lebensmittel mit der Ampelkennzeichnung etikettieren lassen, damit der Verbraucher der Wahrheit über seine Ernährungsweise sehenden Auges begegnet? Die Gemeinschaft zahlt schließlich die vielen durch Fehlernährung entstandenen Erkrankungen wie Adipositas mit.
Ich bin gegen den Nanny State. Denn damit würde ich unterstellen, dass der Verbraucher dumm ist. Das ist er aber nicht. Für eine Mehrheit ist, wie schon gesagt, der Preis das entscheidende Kaufkriterium bei Lebensmitteln und nicht die Qualität. Was nicht heißt, dass ich gegen die Ampel bin. Ich glaube nur nicht, dass wir damit in der Sache entscheidend vorankommen. Wir brauchen mehr als nur Symbolmaßnahmen. Wenn ich sehe, wie viele Anstrengungen unternommen wurden, damit Schulen ans Netz kommen und Schüler den Umgang mit Computern lernen, frage ich mich, warum zum Thema Ernährung in den Schulen kaum etwas passiert. Keine Ahnung, ob wir damit entscheidend weiterkommen, aber es wäre einen Versuch wert.

Wenn der Staat einen mündigen Bürger will, muss er seinen Beitrag dazu leisten, dass er sich ein Urteil bilden kann. Insofern wäre Schule tatsächlich ein Ort, wo der Staat diesem Auftrag nachkommen könnte.
Gleichwohl kann man den Konsumenten nicht aus der Verantwortung entlassen und alles dem Staat zuschieben. Behörden haben aber auf jeden Fall die Aufgabe, die Konsumenten zu schützen und zum Beispiel auf die Einhaltung von Hygienevorschriften bei Herstellung und Vertrieb von Lebensmitteln zu achten. So etwas kann der Verbraucher einfach nicht leisten.

Wo lauern denn wirklich großen Gefahren der Zukunft in Sachen Ernährung?
Ein weites Feld. Adipositas wird jedenfalls zu einem noch viel größeren Problem werden als es ohnehin schon ist.

Vielleicht sollten wir weniger Zucker essen.
Ja, aber warum wird so viel Zucker gegessen? Weil die Überproduktion den Markt erzeugt und er überall beigemischt wird. Bei Mais ist es ähnlich. Der wird jetzt über das Vieh indirekt an die Fleischesser verfüttert.

Und was ist mit Genmais?
Generell halte ich GMO (Gentechnisch Modifizierte Organsimen) in Lebensmitteln für eines der wichtigsten und heikelsten Themen der Zukunft. Über die Risiken wissen wir noch kaum etwas. Die Konsequenzen für die Agrarkultur und die Biodiversität werden bislang kaum thematisiert. Tatsächlich lehnt der europäische Verbraucher Genfood ab. Ein gutes Beispiel für den mündigen Bürger: Alle Heilsversprechungen der entsprechenden Industrie haben ihn bisher nicht umstimmen können. Den Begriff „Grüne Biotechnologie“ würde ich in diesem Kontext als Marketingbotschaft verstehen. Hier wird ein Lehrstück über Ideologie und Wahrheit aufgeführt.

Apropos Gefahrengut. Was haben Sie alles in ihrem Kühlschrank gebunkert?
Sie würden sich wundern, wie leer der ist.

Bestimmt nicht. Meiner ist wahrscheinlich auch nicht voller. Frischmilch ist drin, Eier, ein paar Senfsorten, Marmelade, Gemüse für den Tagesbedarf und hausgemachter Joghurt. Ach ja, das Fiege Pils will ich nicht verschweigen.
Viele Leute haben ihre Kühlschränke so voll, als befürchteten sie, es könnte jeden Tag ein Krieg ausbrechen. Und fast immer hat ein Teil des Inhalts das Mindesthaltbarkeitsdatum weit überschritten. Kühlschränke sind längst zur größten Müllkippe des Landes geworden.

Herr Mlodzianowski, herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

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Eine Antwort zu “Don’ call it Schinken (4): ttz-Chef Werner Mlodzanowski im kompottsurfer-Interview”

  1. Henning sagt:

    Hallo kompottsurfer,

    ein tolles Interview! Auch ich bin der Meinung, dass in den Medien vieles überdramatisert wird. Nach den “Killerspielen” ist es nun der Analogkäse den sie sich vorknüpfen. Das Beispiel mit der Analogbutter trifft es auf den Kopf und hat mich echt zum Schmunzeln gebracht. Sensibilisieren für ein bestimmtes Thema sollten die Medien dagegen schon. Danach kann jeder selber entscheiden, ob er richtigen Käse, oder eben auf günstigere Produkte zurückgreift. Die Schulen könnten hier, also im Bereich Ernährung schon frühzeitig einen wertvollen Beitrag leisten. Nur wenn sich die grundlegende Einstellung der Konsumenten gegenüber Ernährung ändert, wird auch die Industrie nachziehen.

    Viele Grüße
    Henning

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