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Freitag, 10. Dezember 2010

Es ist völlig wurscht, was du isst …

Hauptnahrung Süßigkeiten - geht das?

Zu dieser Folgerung kommt der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop in seinem neuen Buch Hunger und Lust. Der geschätzte Kollege Hajo Schumacher, alias Achim Achilles, lässt in seiner Laufkolumne auf Spiegel Online Knop im Interview zu Wort kommen. Und da lese ich Sätze wie: “Es gibt keine Beweise für irgendeine der gängigen Ernährungsregeln. Es gibt nur statistische Zusammenhänge, das heißt vage Vermutungen, sonst gar nichts. Und daraus irgendwelche Regeln für das Individuum abzuleiten ist völliger Quatsch.”

Knop weiss offensichtlich, welche Knöpfe man drücken muss, um beim Thema Ernährung PR-Punkte zu sammeln. Was taugte dafür besser, als den Menschen inhaltlich bei seiner Bequemlichkeit und seinen Gewohnheiten abzuholen? Ich bin ja selbst kein Freund von Ernährungsdogmatismus, aber wenn deutliche statistische Zusammenhänge in den Rang vager Vermutungen herabgestuft werden, dann kann ich die Positionen dieses Mannes wirklich nicht mehr ernst nehmen.

Er selbst sagt: “Der Körper hat über Jahrzehnte gelernt, was wo drin ist. Das ist die kulinarische Körperintelligenz.” Woher weiß er das? Gibt es zumindest statistische Zusammenhänge, die ihn daraus wenigstens eine vage Vermutung ableiten lassen, oder gibt seine Aussage nicht mal das her?

Dass es keine gesunden und ungesunden Lebensmittel gibt, ist nun wirklich nicht neu. Das lernt fast jeder angehende Ernährungswissenschaftler schon im ersten Semester. Ich hörte sogar mal von einem Professor, der seinen Studenten Strafzölle abnötigte, wenn sie von einem “gesunden Lebensmittel” sprachen. Funktionierte so ähnlich wie das Phrasenschwein in der Fußballsendung Doppelpass auf DSF. Aber von gesunder und ungesunder Erährung darf auch bei den Ernährungswissenschaftlern gesprochen werden.

In einer systematischen Metastudie von Renehan, Tysen, Egger und Kollegen der University of Manchester (LANCET 16.2.2008) wurde das Verhältnis von Krebs und Körpergewicht (orientiert am BMI) untersucht. Für die Analyse wurden 141 Publikationen mit insgesamt 282.137 Krebspatienten aus 76 Studien herangezogen. Mit folgenden Ergebnissen: Erhöht sich der BMI nur um 5 kg /m2 steigen die Risiken für viele Krebsarten deutlich. Bei den Männern liegt die Gefahr für Speiseröhrenkrebs um 52%, Schilddrüse 33%, Dickdarm 24% und Niere ebenfalls um 24% höher. Bei den Frauen machen Karzinome der Gebärmutterschleimhaut 59%, Gallenblase 59%, Speiseröhrenkrebs 51% und Niere 34% die deutlichsten Gefahrenherde aus.

So viel zu den vagen Vermutungen. Und dass Ernährung – neben Bewegungsmangel – zu den Hauptfaktoren für Übergewicht zählen, daran dürfte niemand ernsthafte Zweifel haben, der noch alle Tassen im Schrank hat.

Wer mal in den Podcast zur Studie reinhören will, surft hier entlang (lange Ladezeit).

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11 Antworten zu “Es ist völlig wurscht, was du isst …”

  1. Arthurs Tochter sagt:

    Darf ich in aller Bescheidenheit einen themenverwandten Post von mir beisteuern?
    http://arthurstochterkocht.blogspot.com/2009/09/bei-krankheit-rindfleischsuppe-mit.html

  2. kompottsurfer sagt:

    Ein lesenswertes und unterhaltsames posting. Suppe versus Pharma-Industrie, großartig ;-) .
    Was Pollmer betrifft, muss ich sagen, er gibt zwar gelegentlich ein paar interessante Denkanstöße, aber dieses Sendungsbewusstsein geht mir ziemlich auf den Zwickel.

    Als großer Anhänger von Verschwörungstheorien frage ich mal: Wem nutzen diese Pollmer-Knop-Argumentationen? Na??? Genau! Der großen Lebensmittelindustrie. Deshalb sind nicht alle Argumente schlecht, aber für die schlechten Argumente gäbe es immerhin eine plausible Erklärung. ;-)

  3. DirkNB sagt:

    Mal nur als Gedankenspiel: Dass etwas statistisch einen Zusammenhang zu haben scheint, heißt noch lange nicht, dass man Ursache und Wirkung vor sich hat. Beides können auch Wirkungen eine nicht genauer bezeichneten Ursache sein.
    Außerdem ist die Ursache-Wirkung-Verknüpfung an sich oftmals unvollständig. Spätestens aus der Elektrodynamik kennen wir das Ursache-Vermittlung-Wirkung-Prinzip. So gibt es viele Ursache-Wirkung-Schlüsse, die eigentlich Vermittlung-Wirkung-Schlüsse sind unter Nichtberücksichtigung der eigentlichen Ursache,
    Auf den obigen Gedanken angewandt, kann man vielleicht sagen, dass die steigende Krebsrate durch ein Übergwicht unterstützt wird, die eigentliche Ursache liegt aber woanders.

  4. kompottsurfer sagt:

    Keine Frage, die eigentliche Ursache eines nachgewiesenen Zusammenhangs kann theoretisch auch woanders liegen. Es gibt aber eine Reihe Indizien, die den Schluss nahelegen, dass Übergewicht durch eine entspechende Ernährung in Tateinheit mit Bewegungsmangel hervorgerufen wird. Sinnvoll wäre, wenn die Kritiker, die den Ursachenzusammenhang bezweifeln, bessere Erklärungsmodelle liefern, am besten untermauert mit entsprechend belastbaren Studien. Das, so glaube ich, werden sie aber nicht leisten können. Und so entsteht bei mir nur der Eindruck, dass hier nur ganz populistisch eine Haltung vieler Konsumenten bedient wird, denen das Essen mit Verstand zu anstrengend ist und deshalb dankbar jede Vorlage von vermeintlichen Experten annehmen, um weiter ihren lieben ungesunden Gewohnheiten zu frönen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Jeder soll essen was er für richtig hält, aber trotzdem soll mir keiner suggerieren, es wäre meinem Körper egal, wenn ich ihm Ernährungsschrott zuführe.

  5. DirkNB sagt:

    Genau. Aber man kann sich auch an natürlicher Ernährung dick essen. ;-)

  6. Norman sagt:

    Hallo, ich wollte noch insofern beisteuern, als dass, wenn denn Scheinkorrelationen vermutet werden, zumindest ein Argument für eine mögliche Scheinkorrelation geliefert werden sollte. Daher halte ich es auch für plausibel zunächst, solange wir keine bessere Erklärung besitzen, aus pragmatischen Gründen anzunehmen. Fataler wäre es zu Plausibilitätserwägungen zurückzukehren.

    Den Knop kenne ich nicht, was ich allerdings von Pollmer gelesen habe, so beruft er sich immer auf Studien mit großen Fallzahlen. Er zieht das statistische Argument dem Plausibilitätsargument vor. Sein Vorgehen ist definitiv wissenschaftlich. Seine Argumentationen richten sich meistens gegen die Ernährungsindustrie, die versucht durch Studien mit geringen Fallzahlen, uns Dinge als gesund zu verkaufen, als auch gegen Ernährungstheorien, die sich nur auf Plausibilitätsargumente stützen.

    Übrigens schöne Grüße nach Neubrandenburg Dirk ;)

  7. kompottsurfer sagt:

    Hallo Norman, sehe ich auch so. Wenn das Vorhandensein von Scheinkorrelationen in den Raum gestellt wird, dann sollten dafür zumindest plausible Argumente geliefert werden. Ich bin auch skeptisch, was die Aussagekraft von Studien angeht und stoße immer wieder auf Ergebnisse, die über Jahrzehnte Empfehlungen nach sich zogen und immer noch ziehen, die sich längst als wissenschaftlich haltlos erwiesen haben, wie zum Beispiel die Supplementierung von Magnesium bei Krampfneigung. Plausibilität ziehe ich so lange vor, wie es keine belastbare Studienlage gibt.

    Pollmers kritische Haltung gegenüber der großen Lebensmittelindustrie ist zunächst einmal löblich. Doch seine Argumentation gerät mir bisweilen zu populistisch: “Menschen essen gewöhnlich so lange, bis sie satt sind. Das macht der Dünne nicht anders als der Dicke. Der eine kann futtern wie ein Scheunendrescher, ohne Fett anzusetzen, der andere spart sich das Essen vom Munde ab und geht trotzdem in die Breite … .” Mir liefert er zu viel Rechtfertigung für einen maßlosen und unkontrollierten Umgang mit Essen. Allein der immens gestiegene Einsatz von Fructose in vielen Lebensmitteln (Stichwort: Maiskornsirup) sorgt dafür, dass unser Sättigungsgefühl ausgeschaltet wird, denn Fructose erzeugt keine Insulinausschüttung. Insulin ist aber am Zustandekommen des Sättigungsgefühls beteiligt.

    Vermutlich ist es mein Buchhalter-Gen, dass mich seit knapp zwei Jahren täglich mein Gewicht kontrollieren lässt. Und wenn ich eins mehr als eindeutig feststellen konnte, dann, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Nahrungszufuhr und Gewichtszunahme gibt. Okay, vielleicht bin ich ein Einzelfall, aber höchstwahrscheinlich nicht. ;-) Dazu demnächst mehr in einem ausführlichen Beitrag des kompottsurfers.

  8. DirkNB sagt:

    @Norman: Vielen Dank für die Grüße. Kennen wir uns?

    Allgemein: Es gibt so ein schönes Beispiel für eine Scheinkorrelation. Das ist schon etwas älter, ich hoffe mal, dass es mit aktuellen Zahlen auch noch “belegbar” ist. So zeigte sich, dass die Zahl der Geburten im gleichen Maße wie die Population der Störche zurückgeht. Es ist auch, speziell in dörflicher Gegend erstaunlich, dass dort, wo viele Storche ihre Nester haben, auch meist viele Kinder sind. Es ergibt sich also eine zeitliche UND eine örtliche Korrelation. Da muss doch was dran sein. ;-)

  9. kompottsurfer sagt:

    Also zu diesem höchst unterhaltsamen Aspekt der Scheinkorrelation noch ein Gedanke. Wenn man mit einer bestimmten Fragestellung nicht weiterkommt und herausfinden will, wie sehr ein Vergleich hinkt, drehe man einfach mal die Fragestellung um. Was passiert, wenn der Mensch nichts mehr isst? Wochenlang. Monatelang. Könnte sein, dass er irgendwann stirbt. In dem Fall könnte ein Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheitszustand durchaus hergestellt werden. Auch das könnte natürlich eine Scheinkorrelation sein, wenn man seinen Tod mit Ernährungsmangel in direkten Zusammenhang bringt. Denn um zu sterben muss das Herz stehenbleiben, und damit wäre es ein Herzversagen.

    Was passiert aber, wenn wir die Storchennester aus den Dörfern entfernen, alle Störche meucheln, grillen und anschließend futtern? Genau, die Dorfbevölkerung würde aussterben. Da brat mir doch einer ‘nen Storch. ;-)

  10. Werner Mlodzianowski sagt:

    Verehrter Klaus Dahlbeck, das Interview von Hrn. Knop mit dem Wunderläufer Achilles würde ich eher unter PR für das entsprechende Buch einordnen. Knop wendet sich da (m.M. zu recht) gegen die unendliche Anzahl von Ernährungsratschlägen. Richtig erhellend wirkt diese Publikation leider nicht. Zur Kritik am Nutritionismus würde ich zu Weihnachten Marion Nestle ” food politics” oder (etwas populärer) Michael Pollan “Lebens-Mittel” empfehlen.
    Das Problem der Aussagekraft von Studien existiert in der scientific community allgemein. Ein erster Blick auf die Kohortengröße ist in der Regel ein pragmatischer Weg, um Studien schnell zu bewerten.
    Pollmer pendelt zwischen Industrie-Kritik, einfachen “Wahrheiten” und Industrie-Aufträgen. Aber im Unterschied zu Oberskandalisierern wie Bode oder anderen Verbraucher”schützern” gibt es bei ihm meistens eine anständige Datenlage.
    Zudem ist auch strittig, ob Ernähungslehre sich wirklich als Wissenschaft begreifen darf. (Versuchen wir doch einmal den Aufstieg der Ökotrophologie in Deutschland mit dem Anstieg der ernährungsbedingten Krankheiten zu korrelieren. Viel Spaß!)

  11. kompottsurfer sagt:

    Die Korrelation zwischem dem Aufstieg der Ökotrophologie und dem Anstieg ernährungsbedingter Krankheiten dürfte vermutlich so eindrücklich sein wie nichts anderes.

    Ob sich Ernährungslehre tatsächlich als eine Wissenschaft begreifen darf? Tja, offen gestanden bin ich mir darüber überhaupt noch nicht im Klaren. Im Gegensatz zur Theologie gibt es da aber immerhin so etwas wie einen Untersuchungsgegenstand ;-) .

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