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Freitag, 07. Januar 2011

Kontamination von Lebensmitteln: Warum der Dioxinskandal den Blick auf die großen Probleme verstellt

Dioxin im Ei: Statistisch gesehen wird nur alle vier Jahre ein Legebetrieb untersucht

Der Schuldige für den neuesten Dioxinskandal war schnell ausgemacht. Ein Futtermittelhersteller hatte industrielle, mit Dioxin belastete Fettsäuren in Futtermittel gelangen lassen. Ob nun aus Vorsatz oder Versehen – mal wieder scheint es so, als sei nur ein Schwarzes Schaf am Werk gewesen, begünstigt durch ein strukturelles Problem, in diesem Fall einer mangelhaften Trennung der Herstellungsverfahren von Fettsäuren für Industrie und Lebensmittelwirtschaft.

Die Mär vom Schwarzen Schaf
Beim näheren Hinsehen wird deutlich, dass die Schwarze-Schaf-Methode vom eigentlichen Problem ablenkt. Dioxinbelastungen sind leider der Normalfall in unserer Ernährung. Und der Umstand, dass, laut einer Auswertung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), Eier aus Freilandhaltung im Regelfall um bis zu 50% höhere Schadstoffkonzentrationen aufweisen als die aus Legebatterien, zeigt auch, dass die Problematik vielschichtig ist. Möglicherweise akkumulieren länger lebende Hühner – auch die aus ökologischer Freilandhaltung – mehr Dioxin, die dann auch in den Eiern landen. Geradezu pervers, dass Knast-Eier in Bezug auf das Dioxin weniger ungesund sein sollen als die von Freilandhennen. Aber wer jetzt glaubt, Knast-Eier seien weniger problematisch, ist auf dem Holzweg. Dazu später mehr.

Die Statistik des BVL zeigt, dass die Anzahl amtlich untersuchter Proben in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. Gleichwohl ist sie immer noch erschreckend niedrig. Zwischen 2004 und 2007 (der letzte dokumentierte Zeitraum) wurden in Deutschland gerade einmal 995 Proben aller Haltungsformen untersucht. Macht im Schnitt 249 pro Jahr, in dem hierzulande etwa 10 Milliarden Eier produziert werden (wenn ich mich jetzt nicht verrechnet habe, bei diesen schwindeligen Zahlen). Also kommen täglich rund 27 Millionen Eier ans Tageslicht.

Behördliche Kontrolle von Eiern findet so gut wie gar nicht statt
Etwa 85 Prozent aller Hennen werden in Legebatterien mit über 3.000 Tieren gehalten. Von diesen Betrieben gibt es in Deutschland knapp 1.100. Selbst wenn alle untersuchten Proben nur aus diesen großen Betrieben stammten, würde aus jeder dieser Produktionsstätten, statistisch gesehen, weniger als alle vier Jahre (!) eine unabhängige Probe untersucht. Eine Katastrophe. Zwar werden häufiger Proben genommen, und auch die Betriebe sind verpflichtet Proben zu nehmen und vorzuhalten, aber eben nicht unbedingt untersucht, und bis eine Verseuchung auffällt oder gemeldet wird, können deshalb Wochen bis Monate vergehen. Auch der aktuelle Skandal wurde nicht durch behördliche Kontrollergebnisse entdeckt sondern durch einen betroffenen Betrieb.

Weitere Kontaminationen von Lebensmitteln
Die Liste der Belastungen von Lebensmitteln allein durch Amine, genauer durch Ammoniak und seine Derivate, ist schon beträchtlich genug. Vegetarier wird es erschaudern lassen, dass Spinat, Karotten, Salat und Kohlsorten hochgradig belastet sind. Auch wenn der Grenzwert im jeweiligen Einzelfall nicht überschritten wird, kann’s in der Summe schnell bedenklich werden. Die Toxikologie des Ammoniaks ist wahrlich kein Kindergeburtstag. Es kann sicherlich helfen, Gemüse nur aus kontrolliert ökologischem Anbau zu kaufen. Aber ganz verschwunden ist das Problem damit nicht.

Antibiotika – die tickende Zeitbombe

Die größte Gefahr für unsere Gesundheit droht Konsumenten tierischer Produkte aus meiner Sicht durch Antibiotika, die Feder- und Rindvieh sowie Schweinen in den engen Großbetrieben verabreicht werden. Hermann Focke, ehemaliger Leiter des Veterinäramtes Cloppenburg, schätzt, dass zum Beispiel Masthähnchen über zwei Drittel ihres recht kurzen Lebens mit Antibiotika behandelt werden. Die dadurch entstehenden Resistenzen sind alarmierend.

Zusatzstoffe – ein überbewertetes Problem
Im Vergleich zu den heiklen Belastungen durch Umweltgifte und Antibiotika nimmt sich das Thema Zusatzstoffe aus Sicht des Kompottsurfers überwiegend undramatisch aus. Es ist die Suggestion eines unausgesprochenen Vorwurfs, die beim Verbraucher greift: Hilfe, die Lebensmittelindustrie will uns vergiften! Auch wenn ich kein Freund der großen Lebensmittelindustrie bin, aber vergiften will sie uns bestimmt nicht. Viele der verteufelten Zusatzoffe sind natürlichen Ursprungs und unbedenklich wie zum Beispiel Agar (E 406), Carageen (E 407), Johannisbrotkernmehl (E 410), Calciumlactat (E 327), Guarkernmehl (E 412), Sojalecithin (E 322), Pectin (E440), viele davon sogar in Bioprodukten zugelassen. Es wird Zeit, die wahren Probleme ins Visier zu nehmen.

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2 Antworten zu “Kontamination von Lebensmitteln: Warum der Dioxinskandal den Blick auf die großen Probleme verstellt”

  1. Jens sagt:

    Das ist so traurig, dass es wirklich nur ein einfaches Problem ist, das nur an Geld scheitert. Mehr Kontrolleure wären ohne weiteres möglich. Etwas größere Käfige würden die Erkrankungsfälle reduzieren und damit das Antibiotika.
    Die erste Hürde ist nicht die fehlende Ethik sondern die zu große Gier.

  2. ICA Method. Gewinner beim EU-Contest for Young Scientists! » Land der Erfinder - Das Blogzine über Erfindungen, Ideen und Innovationen aus Österreich sagt:

    [...] gemacht. Immer wieder taucht dieses Thema in den Medien auf, wenn bedingt durch gewisse Kontaminationen Lebensmittel zurückgerufen werden müssen. Zuweilen verlaufen die Fälle durchaus tragisch, wenn schädliche [...]

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