rewirpower.de – Das Revierportal


Suche:

Dienstag, 28. Februar 2012

Tim Mälzers missglückter Ernährungs-Check im Ersten

Ist dauerhafte Fastfood-Ernährung wirklich nicht ungesund?

Zum Ende der gestrigen Sendung Ernährungs-Check (hier geht’s zum Video) versuchte Tim Mälzer zu retten, was nicht mehr zu retten war: “Ich möchte jetzt nicht jedem Menschen Tür und Tor öffnen, der sich ausschließlich von Mist ernährt. Wer nach dieser Dokumentation rausgeht und sagt, ‘ich kann mir jeden Dreck reinziehen, den ich möchte’, der hat die Dokumentation falsch verstanden.” Keine Frage, der von mir sehr geschätzte Tim Mälzer hat den Satz nur aus einem Grund gesagt: Weil er selber die Befürchtung gehabt haben muss, dass am Ende der Sendung eine ganz andere Botschaft beim Zuschauer hängen bleibt: Ihr könnt euch jeden Dreck reinziehen, den ihr wollt, Haupsache eine begrenzte Kalorienzufuhr wird eingehalten.

Die Komplexität ernährungsphysiologischer Zusammenhänge wurde schon beim völlig realitätsfremden Versuchsaufbau außer Acht gelassen, bei dem 45 junge männliche Teilnehmer in drei Testgruppen entweder Fastfood, deutsche Hausmannskost oder Mediterranes vorgesetzt bekamen. Allein die Kilokalorienzufuhr sollte gleich bleiben: 2.500 pro Tag. Schon als ich diese Mengenbegrenzung hörte, musste ich in die Tischkante beißen, angesichts des Vorhabens, unter anderem feststellen zu wollen, ob eine der Gruppen am Ende an Gewicht zulegt. Ein 25-jähriger Mann, 184 cm groß und 79 Kilogramm schwer hat schon einen Grundumsatz von knapp 2.000 kcal am Tag, das heißt einen Basisverbrauch, der noch keinerlei Betätigung, nicht einmal Schreibtischarbeit einkalkuliert. Wer dann den Tag über nur sitzt oder liegt, kommt schon auf knapp 2.500 kcal. Der Gang zur Straßenbahn, eine kleine Runde Joggen – alles das würde eine Kalorienbedarfsmenge ergeben, die weit über 2.500 kcal hinausgeht. Ich würde gerne wissen, wie viele der Probanden aus purem Hunger zuhause heimlich nachgelegt haben bei Essen und Getränken. Eine Kontrolle gab’s da ja nicht.

Auch der Studienzeitraum von vier Wochen war ein Witz. Folgen von Fehlernährung dürften kaum in einem Monat aufzuspüren sein, genau deshalb sind ja seriösere Untersuchungen wie die EPIC-Studie auf lange Zeiträume ausgelegt.

Beim Blick auf die Cholesterinspiegel der Probanden wurde die Blickrichtung auf die zugeführten Fette in der Nahrung gelegt, aber völlig außer Acht gelassen, dass – neben anderen Faktoren wie genetischer Disposition – nicht zuletzt die zugeführten Kohlenhydrate Einfluss auf den Cholesterinspiegel nehmen.

Da, wo in der Sendung Untersuchungsergebnisse auf Probleme hinwiesen, wie beim erschreckend geringen Vitamin-C-Anteil in Mälzers Fastfood-Zubereitungen (die – ganz nebenbei erwähnt – in der Qualität wahrscheinlich besser sind als die Angebote in irgendeiner Burgerbude), wird mit dem lapidaren Hinweis gegengesteuert, mit einem Glas Orangensaft könne das ja wieder ausgeglichen werden. Aber ging’s in der Sendung nicht auch genau darum, zu sehen, was passiert, wenn man sich eben nicht vitaminreich ernährt?

Tim Mälzer muss ich anrechnen, dass seine Skepsis an den Untersuchungsergebnissen bis zum Ende spürbar blieb. Und das war auch gut so.

  • Twitter
  • Webnews.de
  • MisterWong.DE
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Digg
  • Mixx
  • Google Bookmarks
  • Yigg
  • Yahoo! Bookmarks
  • FriendFeed
  • Posterous
  • RSS
  • Print
  • PDF

3 Antworten zu “Tim Mälzers missglückter Ernährungs-Check im Ersten”

  1. DirkNB sagt:

    Was lernen wir also bei aller Kritik daraus: Jede Ernährungsstudie ist manipulierbar und wir sollten viel mehr lernen, darauf zu hören, was unser Körper will. Wichtiger Punkt: Vielfalt ist Programm. Als Allesfresser sollte der Mensch sich dieses Begriffes besinnen und wirklich alles essen, was Feld, Stall, Weide, Wald, usw. hergeben. Aber immer mit Bewusstsein. Auch so eine Eigenheit des Menschen: Er ist sich seiner selbst bewusst.
    Mahlzeit!

  2. peka76 sagt:

    Ich habe die Dokumentation erst gesehen, nachdem ich diesen Blogbeitrag gelesen habe und war daher entsprechend kritisch. Prinzipiell stimme ich den meisten Kritiken vom Kompottsurfer zu, auch wenn mir einiges zu polemisch ist ;) . Für mich liegt der entscheidende “Fehler” in dem Test aber darin, dass sämtliche Speisen vom Team des Tim Mälzer aus sicherlich frische Zutaten zubereitet wurden. Tim Mälzer und seine Crew sind sicherlich allesamt herausragend gute Köche und verarbeiten ausgezeichnete und natürliche Produkte. Damit ist die Ernährung auch gesünder, als wenn wirklich Fast Food oder besser sog, Junk Food gegessen wird. Meines Erachtens sind ja eher chemische Lebensmittelzusatzstoffe oder künstliche Lebensmittelveränderungen das gefährliche an der Ernährung. Das der Stoffwechsel angeregt wird, wenn das Gehirn die Information “Zucker” bekommt ist klar, dann fängt der Körper auch an Zucker abzubauen. Problematisch wird es nur, wenn die Information “Zucker” falsch ist, weil nur energieloser Süßstoff zugeführt wurde. Dann fängt der Körper an, Zucker abzubauen und der Mensch bekommt aufgrund des folgenden Mangels Heißhunger.
    Ich pflichte in diesem Falle auch den (umstrittenen) Thesen des Lebensmittelchemikers Udo Pallmer durchaus zu. Und genau mit diesen Thesen stimmt die Dokumentation von Herrn Mälzer durchaus (insbesondere bei genauem Hinsehen) überein.

  3. peka76 sagt:

    Sorry! Gemeint ist natürlich Udo Pollmer…

Hinterlasse eine Antwort