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Freitag, 24. März 2017

ProWein 2017 (1): Wo der Mondwein hinters Licht führte und die Zeit für die Sonnenuhr nicht reichte.

Neulich telefonierte ich mit einem Küchenchef aus dem erlauchten Kreis der mit drei Michelinsternen erleuchteten. Ob er denn auch zur ProWein käme, wollte ich wissen, nachdem wir beide feststellten, dass wir uns schon eine ganze Weile nicht gesehen hatten. Ich hatte gedacht, so bei einem guten Glas Wein, ließe sich doch nett plaudern. “Was soll ich denn da?” kam zur Antwort, ergänzt um wenig schmeichelhafte Auslassungen zu einer besonderen Besucherklientel, die dort in stattlicher Anzahl durch die Gänge wankt und die abenteuerlichsten Aromen im Wein entdeckt und herausschmeckt. Ach, was haben wir gelacht am Telefon. Bis mir der Gedanke kam, ob ich nicht vielleicht auch dazu gehörte. Nee, völlig unmöglich. Ich wanke doch nicht. Bis auf ein paar Schlucke – in diesem Jahr aus dem Sortiment der Domaine Bichot und dem Mondwein von Wanne-Eickel, quatsch, von Tesch – wird immer alles brav ausgespuckt. Sonst käme ich doch niemals den vielen außergewöhnlichen Aromen auf die Spur, die es in so manchem Tropfen zu entdecken gibt.

Der Mondwein. Als ich in einer Pressemitteilung des Hauses darüber las, fürchtete ich, im Weingut Tesch (ja, das sind die mit dem Toten Hosen Wein, der kompottsurfer berichtete) stünde neuerdings Esoterik hoch im Kurs. Man erntete Trauben bei Vollmond und streute vielleicht sogar im Sommer Globolikügelchen unter den Rebstöcken aus, damit die Pflanzen gegen Hitzestress gewappnet sind. Aber nein. Es ist nicht das, wonach es aussieht. Obwohl ein ziemlich esoterisch anmutender Mond auf dem Etikett zu sehen ist. Meine Frage am Stand des immer sehr belagerten Nahe Winzers, was es denn bitte mit dem Mond auf sich hat, wurde schmunzelnd überhört. Alles andere aber umfänglich beantwortet. Und keine Frage, der Wein ist tatsächlich so außergewöhnlich wie rar. Nur knapp 600 Liter, so verriet man mir, konnten davon auf die Flasche gebracht werden.

Es ist ein Wein mit Gen-defektem Lesegut. In jedem Weinberg gibt es eine geringe Anzahl kleiner goldgelber Trauben, die keine Kerne haben. Und je älter der Weinberg, um so höher ist der Anteil dieser Sonderlinge. Nur in Jahren, in denen das Wetter durchgängig perfekt ist, können diese Trauben gesondert gesammelt werden. Erstens, weil sei überhaupt noch hängen, denn sie wachsen an kleinen Seitentrieben, die unter Umständen im Laufe ihres Wachstums weggeschnitten werden. Und zweitens, weil auch bei der Ernte das Wetter stabil sein muss, damit genügend Zeit für die aufwändige Handarbeit bleibt. Für ein kleines Fass müssen über 12 Hektar Rieslingweinberge durchkämmt werden. Bei der Verarbeitung der Trauben kann der Winzer dann die Extraktion auf die Spitze treiben, da nach dem Abbeeren der Anteil Tannin besonders gering ist, weil die Bitterstoffe aus den Kernen fehlen.

Ich muss zugeben, dass mich dieser trocken ausgebaute Wein wirklich gepackt hat. Extrem konzentrierte Frucht und eine – für diesen niedrigen Alkoholgehalt (13 Vol.%) – unglaubliche Tiefe und Länge. Wer eine dieser raren Flaschen ergattern will, muss 20 Euro investieren (zum Beispiel hier). Ein geradezu barmherziger Preis für diesen Wein, wie ich finde. Ach ja, und lange überlegen ist keine gute Idee.

Einen Nachteil hatte die lange Beschäftigung mit dem Mondwein allerdings schon. Es blieb nicht mehr genug Zeit für die Wehlener Sonnenuhr Riesling Spätlese von Dr. Loosen. Die wollte ich – nach vielen lobenden Kommentaren von guten Weinfreunden – unbedingt noch vor Ort probiert haben. Sei’s drum, dann muss ich wohl irgendwo mal ein ganzes Fläschchen ordern.

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