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Freitag, 02. Februar 2018

Hand in Hand: Wie ein Kochbuch Völkerverständigung durch den Magen fördert

Der Nachteil sinnvoller Apps wie Notizen in meiner iCloud ist die Ansammlung von Stichworten, die binnen kürzester Zeit so weit nach unten wandern, dass ich sie aus den Augen verliere. So war es auch mit einer Notiz zu einem Kochbuch, das zu empfehlen mir eine Herzenssache ist. Hand in Hand aus dem ars viviendi Verlag – bei dem ich übrigens mit dem geschätzten Kollegen Peter-Erik Hillenbach Anfang der 1990er Jahre das erste Buch aus der Reihe Ruhrgebiet zwischen Sekt und Selters herausgegeben hatte – macht auf eindrucksvolle Weise Werbung für Völkerverständigung. Und zwar in Gestalt eines Kochbuchs. Weil nicht nur Liebe durch den Magen geht, sondern auch das Miteinander unterschiedlicher Kulturen. Wer, wenn nicht die Menschen im Ruhrgebiet, meiner Heimat, wüssten das besser. Ins industrielle Herz der Republik kamen seit den 1950er Jahren Menschen aus vielen Teilen Europas. Damals nannte man sie Gastarbeiter. Aber sie brachten nicht nur ihre Arbeitskraft mit, sondern auch ihre kulinarische Kultur. Und das war verdammt gut so für eine Region, die das Genießen von Essen & Trinken erst lernen musste und feststellen konnte, dass es eine Welt jenseits von Kartoffeln, Kohl und Kotelett gab.

Damals schien Integration, allen Erbschäden der NS-Diktatur zum Trotz, besser zu funktionieren als heute. Denn die Menschen waren in harter, gefährlicher Arbeit vereint, in den Stollen der Zechen und an den Hochöfen der Stahlwerke. Da musste man sich hundertprozentig aufeinander verlassen können. Wenn’s hart auf hart kam, spielte Herkunft keine Rolle mehr. Ich kann mich noch gut an einen Ferienjob in den 1980er Jahren erinnern,  wo ich in einem Aluminiumwerk gearbeitet hatte. Wir mussten riesige Schmelzkessel von Ablagerungen säubern. Dafür stiegen wir mit Presslufthammer, Ohrstöpseln und Atemschutz ausgestattet in den Kessel hinab und knatterten los bis der Schweiß in Bächen herabfloss. Auch wenn man am Kessel zusammenarbeitete, saßen türkische und deutsche Kollegen in den Pausen zumeist getrennt. Mir missfiel das, und ich setzte mich demonstartiv zu den türkischen Kollegen, die mir gleich einige Spezialitäten zum Essen anboten. Börek mit Spinat und Schafskäse, Lahamacun, Köfte und Sucuk – alles das lernte ich schon im Pausenraum des Betriebes kennen, lange bevor überall in der Stadt türkische Restaurants und Dönerläden aufmachten.

Arbeit und Essen verbindet Menschen. Und weil das mit den Arbeitsmöglichkeiten für Flüchtlinge aus verschiedenen Gründen kompliziert ist in Deutschland, muss es erstmal das Essen richten. Vier Studenten der Hotelfachschule Heidelberg brachten in 2016 junge Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern in Kontakt mit deutschen Spitzenköchen. Über 50 von ihnen – darunter Alfons Schuhbeck, Frank Oehler und Michael Kempf – interpretierten für das Buch Hand in Hand Gerichte aus Flüchtlingsregionen neu. Jedes Land wird von zwei Flüchtlingen vertreten, die im Buch ihre persönliche Geschichte erzählen. Autorenhonorar und ein Spendenzuschuss des Verlages kommen einem gemeinnützigen Hilfsprojekt zugute. Beispielhaft.

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