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Mittwoch, 28. Februar 2018

Steckrübenwinter 2017/18

Es ist gerade so dermaßen saukalt da draußen, dass einem die Einkäufe auf dem Heimweg einzufrieren drohen, wenn man nicht gerade im beheizten Auto unterwegs ist. Und ich bin selten mit dem Auto zum Einkaufen unterwegs. Schließlich braucht mein Fitnesstracker Futter, sonst fehlen am Abend gelaufene Meter und hochgestiegene Treppen, und das Tagesziel ist im Eimer. Apropos Eimer, apropos Futter. Meine Mutter erzählte mir früher oft, wie sie daheim die Schweine gefüttert und ihnen Eimer voller Steckrüben zum Fressen hingekübelt haben. Deshalb schaute mein Vater neulich auch reichlich verwundert drein, als ich ihm begeistert von meinem Genusshunger auf Steckrüben berichtete. Genuss und Runkelrüben, wie diese Unterart des Rapses im Ruhrgebiet despektierlich bezeichnet wird, das passt für viele Menschen der älteren Generationen nicht zusammen. Durchaus verständlich vor dem Hintergrund an die Erinnnerungen, die damit verknüpft sind: Krieg und Hungersnot.

Andererseits: Diese Wurzelknolle hat hunderttausenden Menschen im so genannten Steckrübenwinter 1916/17, während des Ersten Weltkriegs, das Überleben gesichert. Nicht nur deshalb hat sie unsere Aufmerksamkeit verdient. Und Berücksichtigung im winterlichen Speiseplan, zumal das Gemüse reich an Vitaminen und Mineralstoffen ist, die Anteile Betacarotin und Kalium sind sogar beachtlich.

Was sie aus meiner Sicht besonders attraktiv macht, ist ihr Status als Heimatprodukt von einzigartigem Geschmack mit einer spannenden Wechselwirkung aus Herbe und Süße, die auch guten Spargel auszeichnet. Vergleicht man übrigens die Inhaltsstoffe, wird man erstaunt sein, wie ähnlich Anteile und Gewichtung der Mikronährstoffe sind. An verwertbaren Kohlenhydraten bringt die Steckrübe allerdings mehr mit als der Spargel, nur längst nicht so viel mehr wie ich vermutet hatte. Gerade mal 5,7 g Anteil Kohlenhydrate sind es pro 100 Gramm. Zum Vergleich: Spargel hat 2,0 g und Kartoffeln bringen es auf 14,8 g.

Warum ich hier so sehr am Spargel hängen bleibe? Weil er in Sachen Image und Preis das genaue Gegenstück zur Steckrübe ist. Keine Zwei Monate mehr, dann wird der Spargelwahnsinn wieder losgehen. Ganz ehrlich, ich finde dieses Stangenzeugs reichlich überschätzt. Ab und an mal eine Portion essen, wenn hohe Spargelzeit ist (also nicht gleich nach dem ersten Abstechen) – aber das reicht mir dann auch. Und so taufe ich lieber die Steckrübe auf den Namen Dicke Spargelbertha, oder nein, besser: Schwedenspargel. Vielleicht bringt das ja ein bisschen Imagegewinn.

In einem alten, geerbten Henriette-Davidis-Kochbuch meiner Oma, gedruckt im Jahre 1914 – also zwei Jahre vor dem berüchtigten Steckrübenwinter 1916/17 – fand ich ein Rezept unter dem Namen Steckrüben auf gewöhnliche Art. Dort wird empfohlen, die gewaschene, geschälte und in dünne Scheiben geschnittene Steckrübe in “nicht allzu viel Wasser und mit etwas Nierenfett” zu garen, dann mit Butter, süßer Sahne und etwas Maismehl vorsichtig durchmengen, mit Muskatnuss würzen und zu Kartoffeln mit Bratwurst oder gebratener Leber servieren. Aber wo bekommt man heutzutage noch Nierenfett her? Ich werde mal beim Metzger meines Vertrauens nachfragen.

Nach meiner bisherigen Erfahrung mit Steckrüben, bringt allzu langes Kochen kohlige Aromen stärker zum Vorschein, was besonders bei der Zubereitung von Suppen schnell passiert ist. Wer das vermeiden will, gart sie nur soweit, dass sie noch spürbar Biss haben.

Und noch mal kurz den Bogen zurück zum Anfang geschlagen: Weder friert uns die Steckrübe, pardon, der Schwedenspargel in diesem Bibberwinter auf dem Heimweg ein, noch nimmt er nennswert Schaden, wenn man ihn über Wochen im tiefkalten Keller lagert.

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