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Mittwoch, 10. Oktober 2018

Klimaverträglich essen und trinken, wie geht das?

Am Montag wurde die Menschheit mit Nachdruck an die dramatische Lage in Sachen Erderwärmung erinnert. Der Weltklimarat (IPCC) stellte einen Sonderbericht vor, dessen wichtigste Botschaft lautet: Es sind beispiellose Veränderungen nötig bei Stromerzeugung und Mobilität, in der Landwirtschaft und Industrieproduktion und bei urbaner Infrastruktur, um die rettende Erderwärmungsgrenze von +1,5° C. (gemessen an den Durchschnittstemperaturen der vorindustriellen Zeit) nicht zu überschreiten. Wer jetzt denkt, der Einzelne kann ohnehin nichts machen, weil das eigene bisschen Umdenken sowieso nichts nutze und deshalb alle Verantwortung auf politische Entscheider abwälzt, liegt falsch. Völlig falsch. Wer gar den Zusammenhang zwischen Klimawandel und menschlichem Zutun negiert, benötigt eine Gefährderansprache. Finde ich.

Von über 10.000 Studien zum Thema Klimawandel, die seit Beginn der 1990er Jahre abgeschlossen wurden, bestätigen 97% den Einfluss von CO2-Ausstoß auf die zunehmende Erderwärmung. Und das Konsumverhalten der Menschen hat entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung. Man denkt natürlich sogleich an Autoverkehr, Flugreisen, Wohnen, Heizen. Aber Ernährung ist ebenso ein Schlüsselthema, wenn es um die Reduzierung von klimaschädlichen Emissionen geht. Ein ökologischer Fußabdrucktest der Initiative Brot für die Welt (Link über das Bild) widmet dem Aspekt deshalb eine eigene Rubrik. Wobei es viele weitere Ernährungskomponenten gibt, die der Fragenkatalog nicht erfasst. Aber es ist eine gute erste Orientierung, mit welchen Quadratlatschen man als Konsument durchs Klimabeet stapft. Ich hab’s mal ausprobiert und kam dabei ziemlich gut weg (s. Bild). Selbstkritisch muss ich allerdings sagen, dass einige Aspekte unbefragt blieben, bei denen ich eher nur so mittel abschneiden würde.

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Nukleare Sicherheit (BMU) hat vor drei Jahren das Nationale Programm für nachhaltigen Konsum (NPNK) entwickelt, das 2016 von der alten Bundesregierung beschlossen wurde. Darin enthalten ist auch ein Kapitel zur Ernährung. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht mit der Fragestellung aufhalten, durch welche Maßnahmen die Ziele und Vorgaben erreicht werden können. Das ist mir zu viel Politik an dieser Stelle und führt zu weit vom Essen weg. Deshalb hier nur in aller Kürze einige Eckpunkte des Ernährungskapitels im NPNK, wer will, kann es dort gerne genauer nachlesen:

1..Wertschätzung von Lebensmitteln – Initiative „Zu gut für die Tonne“
2. Förderung der ökologischen Lebensmittelwirtschaft in Deutschland
3. Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN)
4. Eiweißpflanzenstrategie
5. Forum Nachhaltiges Palmöl
6. Forum Nachhaltiger Kakao

Was ich an klimaschonender Ernährung wirklich großartig finde: Sie bietet eine sehr große Schnittmenge mit gesundem und genussvollem Essen. Ich habe mal ein paar Verhaltensempfehlungen zusammengefasst, deren Einhaltung jeden Verbraucher zu einem Besseresser macht.

1. Fleisch- und Wurstkonsum deutlich einschränken. Veggie Days haben zwar seit dem Bundestagswahlkampf 2013 ein desaströses Image, weil der Vorschlag im Parteienzank um Wählergunst als lustfeindlich und bevormundend ausgeschlachtet werden konnte, und das, worum es eigentlich geht, unter die Räder kam, Aber der Grundgedanke ist plausibel. Es geht im Kern eben nicht um Verbot, Zwang und Verzicht sondern um umweltbewusstes Handeln. Schon allein aus Klimaschutzgründen (andere Argumente mal ausgenommen) wäre es hilfreich, den einen oder anderen Tag in der Woche auf Fleisch zu verzichten. Den sollte man aber tunlichst nicht, per Vorschrift geregelt, an einem festen Wochentag abhalten müssen. Denn das geht nach hinten los, wie man 2013 sehen konnte. Der kompottsurfer machte sich vor Jahren zu dem Thema – aus anderem Anlass – mal ganz grundsätzliche Gedanken. Es gibt übrigens keine verlässlichen Zahlen was die Emissionen betrifft, die für ein KIlogramm Rindfleisch vor allem durch Methangas anfallen. Aber über den dicken Daumen gerechnet, entsprechen die CO2-Äquivalente in etwa den Werten für den Bereich Mobilität. Ich muss gestehen, dass mich diese Zahlen überrascht haben. So viel Klimaschädigung durch Ernährung, da musste ich erstmal ganz tief und ungesund durchatmen. Verursacht werden die Emissionen, keine neue Erkenntnis, hauptsächlich durch die Millarden Methan-Pupser des Rindviehs. Methan gilt im Vergleich zu CO2 als der noch heftigere Klimaschädling.

2. Auch andere tierische Erzeugnisse abseits vom Fleisch wiegen reichlich CO2 auf. Bei Milch, Butter und Käse ist man nämlich schnell wieder beim Rind als Verursacher. Eier, über den Einzelhandel bezogen, sind die vielleicht größte Überraschung in der Liste. Wie die Handelskette Tengelmann durch Berechnungen im Rahmen einer groß angelegetne Untersuchung von WWF und Öko-Institut herausfand, bringt es eine 6er Packung Bio-Freilandeier auf 1.178 Gramm CO2, drei mal soviel wie eine Schale Importerdbeeren aus Spanien. 62% der Emissionen für die Eier entsteht bei der Aufzucht der Hennen und im Legebetrieb, 21% durch den Nutzungsaufwand des Verbrauchers, wie die Fahrt zum Supermarkt, die Lagerung im Kühlschrank und die Verarbeitung. Bio-Eier vom nächstgelegenen Bauernhof, per Fahrrad in Schnellverbrauchsmengen abgeholt und in kühlen Kellerräumen gelagert, reduzieren den Nutzungsaufwand deutlich. Auch wenn das keine Einsparungen beim großen Posten Aufzucht einbringt – Kleinvieh macht auch Mist, wie die alten Leute gerne sagen, die noch wissen, wie das ist mit Kleinvieh im städtischen Hinterhof.

3. Obst und Gemüse aus der Region sollte die klimaverträglichere Lösung sein im Vergleich zur Importware. In der Regel ist das auch so, alerdings kommt es darauf an, dass die heimischen Produkte nicht monatelang in großen Kühlräumen aufbewahrt werden
Auch die Entstehung von Lachgas durch Düngung in der Landwirtschaft ist alles andere als lustig fürs Klima. Vor allem ökologisch orientierte Landwirte bemühen sich in den letzten Jahren jedoch zunehmend um die genaue Bestimmung des Düngebedarfs ihrer Pflanzen, um das Problem von Überdungung zu vermneiden. Natürlich gibt es noch andere Aspekte, die es zu beachten gilt, wie die Vermeidung von Verpackungsmüll und den Verzicht auf hochverarbeitete Lebensmittel.

4. So wenig Lebensmittel wie möglich wegwerfenen. Bedeutet: verbrauchsgerecht einkaufen. Ist der Kühlschrank randvoll, obwohl keine Weihnachts- oder Osterfeiertage anstehen, ist das zumeist ein Hinweis auf drohende Wegwerfaktionen. Was man tun kann, dass es gar nicht erst dazu kommt, dazu hat kompottsurfer vor Jahren mal einen ausführlichen Beitrag gepostet.

Fazit: Wer überwiegend frisches Obst und Gemüse verzehrt und Fleisch, Wurst und andere tierischen Erzeugnisse nur gelegentlich auf den Tisch bringt, isst auf einem guten Weg. Wer außerdem möglichst regionale und ökologisch orientierte Erzeugerquellen anzapft und die Wege zum Einkaufen mit dem Rad oder zu Fuß erledigt, tut schon eine Menge fürs Klima. Und noch mehr für die eigene Gesundheit. Das alles hat nichts mit Verzicht zu tun, sondern ganz viel mit Genuss und Ernährungsqualität.

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