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Montag, 29. Oktober 2018

Wenn der Kaffeebecher deinen Konsum kontrolliert und das wahrscheinlich erst der Anfang ist.

Eine Meldung des IT-Nachrichtenportals Heise brühte eine alte Sorge in mir auf, bei der es um mein, ach was, um unser aller Ernährungs- und Bewegungsverhalten geht, kontrolliert durch diverse Apps. Als Apple vor zwei Jahren für viel Geld das Start Up Gliimpse kaufte, wurde mir zum ersten Mal mulmig. Gliimpse gilt als Spezialist für das Sammeln von Gesundheitsdaten zur Erstellung elektronischer Krankenakten. Meinem iPhone kann ich schon lange persönliche Gesundheitsdaten anvertrauen, die in einer Health-App gespeichert werden. Gliimpse dürfte die Möglichkeiten der App deutlich erweitert haben. Und nun das: Die ersten app-kompatiblen Endgeräte sind auf dem Markt. Wie hier zu lesen ist, steuert das Ember Temperature Control Travel Mug bald nicht mehr nur die ideale Trinktemperatur meines Kaffees, sondern schickt meine Verzehrmengen direkt weiter an eine Health App in meinem iPhone. 

Während man die gierigen kleinen App-Monster bisher mit selbst eingepflegten Daten füttern musste, bricht nun das Zeitalter der semi-autonomen Becher, Tassen und wohl bald schon Gabeln und Löffel an, die alles messen, wiegen, auswerten können, was ich in mich hinein futtere und gluckere. Kalorien, Proteine, Kohlenhydrate, Alkohole, Vitamine, Fette, gute wie schlechte.

Es gibt nun wahrlich Apps und Gerätschaften mit Kontrollfunktion, die sinnig sind, hilfreich und gut, zum Beispiel, wenn es um Energieeinsparung geht. Weniger Strom- und Gasverbrauch im Haushalt, weniger Spritverbrauch im Straßenverkehr, weniger schädliche Emissionen, nützliche Projekte eben. Aber muss ich deshalb zum Vollkontrollpfosten in Sachen Ernährung werden? Kann gut sein, dass ich ein paar verschwörungstheoretisch verseuchte Hollywood-Filme zu viel gesehen habe – aber was mag wohl eines Tages dabei herauskommen, wenn ich im Haushalt umgeben bin von technischen Ermittlern eines Ernährungsgeheimdienstes?

Vision Anfang. Es ist Tag X im Jahre 2023. Gerade habe ich meinen Einkauf im Supermarkt beendet und hieve die erlegte Ware aufs Transportband. Mein Handy wird von einem Scanner erfasst, der wenig später auch die Strichcodes meiner Einkäufe ausliest. Immer wieder blinkt es rot, gelb und grün, wenn ein Teil am Scanner vorbeizieht. Am Ende des Transportbands finde ich die grün und gelb ausgelesene Ware in Entnahmefächern. Die grüne Ware kann ich sofort entnehmen. Will ich die gelbe Ware haben, muss ich erst einen Haftungsausschluss für eventuelle gesundheitliche Schäden unterschreiben, die der Konsum für mich ganz persönlich haben könnte. Meine Krankenkasse würde die Kosten dann nicht übernehmen, da mein günstiger Prepaid Basic Life Tarif das nicht abdeckt. Die rote Ware übrigens wird über die „Giftspur“ genannte Transportbahn gleich zurück ins Lager geschickt. Hinweis: „Sorry, Herr Kompottsurfer, sie hatten diese Woche schon zu viele Erdnüsse.“

Spinnen wir den Gedanken weiter. Meine Health App weiß natürlich genau, was gut für mich ist, kennt meine Cholesterinwerte, weiß, wie viel ich mich bewegt habe in dieser Woche und welche genetische Disposition ich mit mir herumtrage, weil ich der App das mal in einer stillen Stunde ganz im Vertrauen verraten habe. Okay, ich will ehrlich sein, es gab eine 1-Bitcoin-Gutschrift als Bonus, wenn ich die Daten auf der Gesundheitskarte meiner Krankenkasse eingebe und freischalten lasse. Vision Ende.

Ich stelle immer wieder mit Erschrecken fest, welchen Reiz diverse technische Spielereien und Spielzeuge auf mich ausüben. Wie gerne ich mir Auswertungen in meiner Garmin Connect App ansehe. Wie viele Kilometer bin ich diese Woche, diesen Monat, diese Jahr schon gejoggt? Wie viele Höhenmeter waren dabei? Wie viele Kilometer auf dem Rad und wie viele Stunden Muckibude kamen zusammen? Und dann sind da noch die zurückgelegten Schritte, die gestiegenen Treppenstufen im Alltag. Will ich auch wissen. Wir gehen, wie ich finde, oft allzu sorglos mit unseren Daten um. Mit dem, was wir sozialen Netzwerken und Clouds anvertrauen. Auch wenn ich das allermeiste auf privat geschaltet habe. Ständig werden irgendwo auf der Welt Datenbanken gehackt, und die Infos gelangen dann schnell in die Hände finsterer Gesellen, die üble Dinge damit anstellen können. Und schon ist gar nichts mehr privat. Aktuell steht zum Beispiel die Vivy-App in der Kritik, wie unter anderem durch MDR und andere Medien verbreitet wurde.

Ich schreibe das alles, weil wir in Sachen Ernährung noch nicht so weit sind wie in meiner orwellschen Vorstellung ausgemalt. Und weil wir es auch nicht so weit kommen lassen sollten. Wir haben das selbst in der Hand. Noch. Wenn wir es schaffen, digitalen Verführungen ebensowenig zu erliegen, wie ungezügeltem Konsum diverser Nahrungsmittel, wäre viel gewonnen. Das überlebenswichtige Urbedürfnis des Menschen nach Essen und Trinken sollte uns ein Höchstmaß Analogität wert sein. Das wunderbar krachende Knuspergeräusch beim Biss in eine handvolle Kartoffelchips, der Duft eines frisch gebrühten Espressos, der Geschmack eines reifen Bordeaux-Weines – alles das möchte ich mir nicht von einem selbst gewählten digitalen Kontrollettisystem verleiden lassen, dass mich mahnt, derart ungesundes Zeug besser nicht zu konsumieren. Da passe ich doch lieber selbst auf mich auf.

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