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Dienstag, 21. Mai 2019

Mein Espresso, der Prütt und der Kaffeesatz

Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal. Das erste Mal als ich mir Gedanken über Kaffeesatz machte. Es muss irgendwann in den 1980ern gewesen sein. Ich war noch jung und las in einem Spiegel-Artikel über die UdSSR den üblichen Kaffeesatz, der mit Geschehnissen im Kreml zu tun hatte, sinngemäß: Man wisse nicht, was dort gerade vor sich gehe und könne nur Kaffeesatz lesen.

Ich habe mich damals gefragt, wo diese Redewendung herkommt. Während Mohnbrötchen für unkorrekte Witze über Blinde herhalten mussten, schien der Kaffeesatz eine Angelegenheit des politischen Geschäfts und der Umgang damit durchaus eine Kunst zu sein. Wer ihn zu lesen verstand, wusste, was in den engsten Zirkeln der Mächtigen ersonnen wurde.

Es war zu dieser Zeit nicht möglich, das Internet anzuzapfen und sein Bedürfnis nach Aufklärung über die Begriffsentstehung zu stillen. Neulich erinnerte ich mich an diese Kaffeesatzgeschichte, weil daheim die Diskussion aufflammte, wie der Prütt aus dem Siebträger der Espressomaschine am besten zu entsorgen sei. Natürlich ist ein Brocken Prütt nicht lesbar wie feiner Kaffeesatz in der Tasse, der sich nach dem Filtern auf dem Boden absetzt. Aber in meinem Kopf war das nur ein kurzer Gedankensprung. Sie kennen das: Irgendwann landet man bei chronischen Krankheiten und weiß nicht mehr, wie man da hin gekommen ist. Wo war ich? Ach ja: Kaffeesatz und Prütt. Was also tun mit dem Prütt? In den Ausguss der Spüle damit, weil er das Abflussrohr säubern hilft und Fette bindet. Behauptet noch heute so mancher Experte für angeblich bewährte Hausmittel. Unser Vertrauensmann für Gas, Wasser, Klo hält dagegen: “Unsinn!”, sagt er. Zumal der Prütt auch Kaffeefette enthielte. Und das Zeug verstopfe mehr als dass es reinige.

Also ab damit in den Hausmüll? Kann man so machen. Die bayerische Firma Schöffel, Ausrüster für hochwertige Outdoor-Kleidung, hat aber noch eine andere Verwendung dafür. Sie lässt Kaffeesatz in Textilfasern einweben und macht Kleidung daraus. S. Café heißt die kürzlich vorgestellte Kollektion. Das Matrial wird von Innen auf Jacken und Hosen aufgebracht und wirkt angeblich geruchshemmend. Die Idee passt zur Philosophie von Firmenchef Peter Schöffel, dem das Thema Nachhaltigkeit glaubhaft am Herzen liegt. Vor zwei Jahren hatte ich mit ihm mal ein längeres Gespräch über umweltgerechte Outdoor-Kleidung geführt. Sein Unternehmen, so sagte er damals sinngemäß, suche nach immer neuen Wegen, bei der Nachhaltigkeit voranzukommen. Dass Schöffel mal Kaffeesatz für Kleidung recyclen würde, darauf wäre ich aber damals nicht im Traum gekommen. Vielleicht hätte ich es mal mit Kaffeesatzlesen probieren sollen. Im Netz findet man übrigens viele Erklärungen zur Herkunft der orakelhaften Resteverwertung. Besonders gepflegt wird der Brauch, angeblich, im türkisch-orientalischen Raum. Im Grunde ist es nichts anderes als Bleigießen zu Silvester. Nur, dass ein Jahresend-Orakel lange nachwirkt, während die im Kaffeesatz gesichteten Symbole jeden Tag aufs Neue gedeutet werden können.

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