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Dienstag, 18. Juni 2019

Schnaps ohne Alkohol, Fleischwurst ohne Fleisch: Was tun wir uns da eigentlich an?

Genussmittel heißen Genussmittel weil mittendrin das mit steckt. Mit Alkohol, mit Koffein, mit Zucker, mit Fett, mit Fleisch. Sonst hieße es ja: Genussohnel. Ja, liebe Leser, ich muss mir heute mal meinen Frust von der Seele schreiben, weil mir alles Kulinarische, was irgendwie ohne ist, zuviel mediale Beachtung erfährt: Fleischwurst ohne Fleisch. Schnaps ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein. Irgendwas davon liest man immer irgendwo. Die einzige Vergnügung, bei der explizit das mit beworben wird, hat zwar auch mit Genuss zu tun, aber eben nicht im kulinarischen Sinne. Mach’s mit! möchte ich all’ jenen zurufen, die uns glauben machen wollen, ein degeneriertes Genussmittel würde Lustgewinn verschaffen. Was bitte ist an alkoholfreiem Schnaps sexy? Dann doch lieber eine Saftschorle trinken oder ein Glas Ahoi-Brause. Überhaupt neigen wir in Deutschland  zur Übertreibung. Ganz oder gar nicht. Asket oder Vielfraß. Der wahre Genussmensch, hoch sei er gepriesen, ist irgendwo dazwischen unterwegs und pflegt einen maßvollen Umgang mit kulinarischen Köstlichkeiten. Ich will gar nicht drumherum reden – das ist zweifelsfrei meine Peer Group wie man das neudeutsch so nennt.

Warum neigen wir überhaupt dazu, beim Essen und Trinken in Extreme zu verfallen? Also entweder sich widerstandslos jeder Verführung hingeben, oder ihr dauerhaft zu entsagen? Weil es – nach meiner Erfahrung – die einfachsten Wege sind. Ich will mal ein Beispiel geben. Es ist erst wenige Jahre her, da überfiel mich nach langen Trainingseinheiten immer wieder monströser Heißhunger auf Eis. Ich rede hier nicht von drei oder vier Kugeln, sondern von Gebindegrößen jenseits der 500 ml, die ich mir ratzfatz einverleiben konnte. Mehrmals die Woche. Unabhängig davon, ob gerade Sommer oder Winter war. Eis ging immer. Natürlich war mir klar, dass derartige Nahrungsergänzungsmittel meiner Gesundheit und meinem Fitnesszustand abträglich sind. Doch jegliche Versuche, seltener und in geringeren Mengen Eis zu essen scheiterten grandios. Das einzige, was half, war schließlich die gnadenlose Abkehr. Vollbremsung. Ein knappes Jahr gab’ es für mich gar kein Eis. Anfangs war das hart, aber schon bald hatte ich mich daran gewöhnt. Ja, der Verzicht war sogar erstaunlich einfach geworden. Aber eine dauerhafte  Lösung konnte das natürlich nicht sein, wenn man so gerne Eis isst wie ich. Seither gelingt es mir, ab und an in einer guten Eisdiele drei oder vier Kugeln zu essen, und damit ist’s nicht nur gut, sondern sogar viel besser als früher, weil ich das Eis viel mehr genießen kann. Mit dem Wein ist es ähnlich. Ich gehöre nicht zu denen, die jeden Abend eine Flasche aufziehen, nicht mal jeden zweiten. Aber wenn ich dann Wein trinke, tue ich das mit vollem Genuss. Nichts in der Welt könnte mich dazu veranlassen, auf alkoholfreien Wein umzusteigen, nicht mal gesundheitliche Gründe. Dann lieber Saftschorle oder Ahoi-Brause. Das ist was reelles. Und lieber Falafel als Fleischwurst ohne Fleisch.

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