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Samstag, 23. Mai 2020

Der Ausbruch in Leer und die neue Realität im Restaurant: Gäste sollten Geduld, Disziplin und Gelassenheit pflegen.

Ich bin ein vorsichtiger Mensch. Zumindest solange ich keine Wetten auf Ergebnisse meines Lieblingsvereins VfL Bochum abschließen soll. Da tippe ich sogar auf Sieg, wenn der Gegner im Pokal Bayern München heißt und unsere Truppe zeitgleich in der Zweiten Fußballbundesliga gegen den Abstieg kämpft. Nun wurde ich nach meinem letzten blog-Beitrag gefragt, welche Prognose ich für die Zukunft der Gastronomie in Corona-Zeiten abgebe. Wie gefährlich sind die Lockerungen für die Gäste? Wie gefährlich die wirtschaftlichen Folgen des eingeschränkten Betriebs? Ich musste lange überlegen, im Grunde überlege ich noch immer.

Gerade als ich diesen blog-Beitrag schreiben und von meinem ersten Gastronomiebesuch seit Beginn der Lockerungen berichten wollte, hörte ich von Corona-Infektionen in einem Restaurant im niedersächsischen Leer, wo sich 11 Personen mit dem Virus angesteckt hatten. Was war dort passiert? “Nach ersten Erkenntnissen ist das Infektionsgeschehen vor Ort nicht auf einen normalen Restaurantbesuch zurückzuführen”, sagte Gesundheitsministerin Carola Reimann gegenüber der Presse. Ursache soll eine größere private Feier in einem Restaurant gewesen sein, das die Veranstaltung im geschlossenen Kreis bewirtet habe. Wobei, wie der NDR berichtet, Zeugen ausgesagt hätten, dass Gäste Hände schüttelten, keinen Mund-Nase-Schutz trugen und den Mindestabstand nicht einhielten. Wer immer noch denkt, der Corona-Spuk sei vorbei und die Maßnahmen der letzten Monate für übertrieben hält, bekommt am Beispiel Leer vorgeführt, wie heikel es werden kann, wenn Vorgaben nicht exakt eingehalten werden.

Ich war jedenfalls voller Vetrauen und Zuversicht vor meinem ersten Gastronomiebesuch. Die Wahl fiel auf eines meiner Lieblingscafés in Bochum, ein Lokal mit großem Freiluftbereich. Bevor ich mich vielleicht schon bald irgendwo in den Innenraum eines Restaurants begäbe, wollte ich erstmal antesten, wie ich draußen klarkomme. Rein psychisch. Denn wirklich geheuer ist mir das Ganze nicht, und das noch bevor ich wusste, was in Leer passiert war.

Als ich nun auf das Café zusteuere, sehe ich auf dem Bürgersteig, rund um die Tische, rote Linien und Pfeile aufgemalt, oft daneben geschrieben: die Dezimalzahl 1,5. Mindestabstand in Meter. Unter einem Sonnenschirm vor dem Eingang sitzt ein maskierter junger Mitarbeiter und gibt freundlich Zettel an die Neuankömmlinge aus. Wer keinen eigenen Stift zum Ausfüllen dabei hat, kann sich einen ausleihen, frisch desinfiziert. In den Tiefen meines Rucksacks finde ich einen roten Kugelschreiber mit der Aufschrift Vin de Bordeaux und trage ein, was gefordert ist: Name, Alter, Adresse. Keine Telefonnummer, keine Mailadresse. Auch gut. Zettel zurück. Danke. Jetzt kann ich mich setzen und meine Bestellung aufgeben.

Ich schaue mich um. Alle Tische draußen sind besetzt. Das freut mich für den engagierten Chef des Hauses, den ich schon seit Jahrzehnten kenne. Ist die Anmeldeprozedur erstmal erledigt, läuft alles beinahe normal, wie mir scheint. Die meisten Gäste wirken routiniert, so als ob sie seit der Wiedereröffnung der Gastronomie nahezu jeden Tag irgendwo auswärts zu Tisch gesessen hätten. Maske auf beim Gang auf die Toilette, Maske runter wenn man wieder am Tisch sitzt. Der Chef bringt mir meinen Cappuccino, und ich frage ihn, wie es denn so läuft unter den Corona-Auflagen. Die erste Woche sei gut gelaufen, berichtet er mir. Aber dann sei bei mehr und mehr Gästen Ungeduld aufgekommen. Das Verständnis dafür, dass unter den Auflagen alles ein bisschen länger braucht, bröckelt. Das passt zu den Vorgängen in Leer. Keine Frage: Unbesonnenheit ist nicht das Mittel der Wahl, das Virus in Schach zu halten, sie grenzt sogar an Verantwortungslosigkeit.

Der Ausbruch in Leer hat auch eine positive Seite, und damit ist jetzt nicht das Testergebnis der Gäste gemeint. Sondern die wachrüttelnde Wirkung, die das Geschehen dort hat. Gastronomen und Gäste dürfen nicht vergessen, wie wichtig die Einhaltung der Regeln ist. Denn niemand will in eine zweite Welle oder gar einen zweiten Lockdown geraten. Und noch etwas Positives gibt es: Die Gesundheitsbehörden können zeigen, wie gut es mit der Nachverfolgung inzwischen klappt und wie sicher sich das lokale Ausbruchsgeschehen eindämmen lässt.

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