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Samstag, 04. Juli 2020

Bordeaux 2019: Ein großartiger Jahrgang kommt – zu fallenden Preisen.

Ralf Weilbächer von Les Grands Chais de France führte mich klug und kurzweilig durch die Bordeauxweine des eindrucksvollen 2019er Jahrgangs

Zwei Dinge gehen im Weingeschäft grundsätzlich nicht zusammen: Ein herausragender neuer Bordeaux-Jahrgang kommt auf den Markt – und die Preise sinken. Obwohl das Wörtchen grundsätzlich im Juristensprech bedeutet, dass Ausnahmen möglich sind, musste man diese Ausnahmen in den vergangenen Jahrzehnten mit der Lupe suchen.

Aufmerksame Leser meines blogs werden sich vielleicht daran erinnern, welcher Wein meine vinophile Leidenschaft wach küsste: St. Émilion. Die typischen Roten aus diesem Anbaugebiet werden zumeist als Cuvée mit hohem Merlot-Anteil vinifiziert, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc finden ebenfalls Verwendung. St. Émilion gehört – wie sein Nachbar Pomerol – zum so genannten rechten Ufer der großflächigen Appellation Bordeaux, während Medoc und Haut-Medoc das linke Ufer prägen. Gemeint sind die Ufer der Flüsse Garonne und Dordogne, die beide ins atlantische Becken der Gironde münden, wobei die Fließrichtung die Zuordnung für Links und Rechts vorgibt. Zahlreiche Satelliten-Appellationen komplettieren das Gesamtbild aller zur Weinregion Bordeaux zählenden Anbaugebiete.

Weil es der Ausgangspunkt meiner Weinleidenschaft ist, verfolge ich bis heute mit großem Interesse, was sich bei den Jahrgängen in Bordeaux tut. Normalerweise besuche ich dafür die Seiten von Heiner Lobenberg. Heiner ist im Frühjahr immer in Bordeaux, um Fassproben zu verkosten und sich ein Bild von der Qualität des jüngsten Jahrgangs zu machen. Wie seinem Blog zu entnehmen ist, schaffte er es sogar im Corona-lockdown runter nach Frankreich. So konnte er, unter teils abenteuerlichen Umständen, den mit reichlich Vorschusslorbeeren gesegneten 2019er Jahrgang höchstselbst und vor Ort beurteilen.

Nun muss man wissen, dass die 2019er Rotweine jedes besseren bis herausragenden Chateau noch längst nicht auf Flaschen abgefüllt sind, sondern noch ein bis zwei Jahre in Eichenfässern vor sich hin reifen, bevor sie weit genug sind und ausgeliefert werden. Da der Weinmarkt für Bordeaux aber auf besondere Weise funktioniert (mit Vorbestellungen und Bezahlung lange vor Abfüllung und Versand) ist es für potentielle Käufer wichtig zu wissen, mit welcher Qualität sie rechnen können. Wein ist nun mal ein Naturprodukt, enorm abhängig vom Wetter, und das ist eben nicht in jedem Jahr gleich, dazu kommen die Veränderungen durch den Klimawandel.

Warum warten Käufer nicht einfach ab bis der Wein abgefüllt und fertig für die Auslieferung ist? Ganz einfach: Weil sie den Wein dadurch deutlich günstiger bekommen, was besonders für Händler wichtig ist. Und weil man auf diesem Weg sicher sein kann, dass man den Wein überhaupt bekommt. Manche weltweit begehrten Tropfen sind nämlich rasch vergriffen. Den Weingütern spült diese so genannte Subskription Geld in die Kassen, während ihr flüssiges Kapital noch im Weinkeller festliegt.

Leider hinderte die Corona-Pandemie viele Fachhändler und Journalisten daran, selbst nach Bordeaux zu reisen, um sich einen Eindruck vom 2019er Jahrgang zu verschaffen. Dass man viele Weine doch noch verkosten konnte, ist einer Initiative von Crus et Domaines de France zu verdanken, die kurzfristig alle namhaften Weingüter vom linken und rechten Ufer angeschrieben und um Fassmuster gebeten hatte. Die Resonanz war beeindruckend. Die Organisation nicht minder, denn für die vier Termine in Deutschland und je einen in der Schweiz und in Österreich schickte jedes Chateau per Overnight Express jeweils einen neuen Satz Flaschen mit Fassmustern. Ein immenser Aufwand also, der da betrieben werden musste. Ich ergriff in Düsseldorf Glas und Gelegenheit, und probierte innerhalb von zwei Stunden rund 30 Weine durch, versiert begleitet von Ralf Weilbächer, Key Account Director bei Crus et Domaines de France. Fassproben zu verkosten, um daraus das Entwicklungspotential eines Weins abzuleiten, ist eine anspruchsvolle Aufgabe, für die es Erfahrung und Vorstellungsvermögen braucht. Da ich mittlerweile nur noch alle Jubeljahre mal Fassproben vor der Flinte habe, war ich sehr dankbar für den begleitenden Austausch mit Ralf.

Ausgerechnet die Weine aus Pomerol, die ich zugänglicher erwartet hatte,  präsentierten sich noch etwas sperrig. La Conseillante zum Beispiel, ein Weingut, dass ich in den frĂĽhen 1990ern ein paar Mal besucht und von dem ich mir immer ein paar wenige Flaschen mitgenommen hatte, weil mich der Wein begeisterte wie kaum ein anderer. Seither haben die vielen Preisexplosionen fĂĽr Bordeauxweine auch La Conseillante so teuer gemacht, dass ich als Käufer raus bin. Wenn ich mich recht entsinne, zahlte ich vor Ort damals fĂĽr eine Flasche umgerechnet kaum mehr als 40 DM. Heute sind Preise jenseits der 170 Euro Standard. Trotz aller Sperrigkeit ahnt man, welch’ gewaltiges Potential in diesem 2019er Jahrgang von La Conseillante steckt.

Über kleine Unzugänglichkeiten hinweg betrachtet, offenbarte sich mir insgesamt ein Jahrgang, der sowohl vom linken wie auch rechten Ufer Großes erwarten lässt. Zum Abschluss der ohnehin schon großartigen 2010er Jahre kommt noch einmal ein Jahrgang der Superlative hinzu Es hat wohl noch keine Dekade in der langen Geschichte der Bordeauxweine gegeben, die so viel Spitzenjahrgänge hervorbrachte. Nun sind bereits viele wunderbare Jahrgänge im Markt, und mit dem 2019 wird ein weiterer hinzukommen. Allerdings zu einer Zeit, wo nicht nur die Corona-Pandemie die weltweite Nachfrage ins Stocken bringt. Auch die ungewisse politische Lage in den USA vor den Präsidentschaftswahlen – was die drohenden Einfuhrzölle betrifft – sowie die Situation in Großbritannien vor dem Brexit drücken aufs Geschäft. Einige namhafte Weingüter haben deshalb ihre Preise für die Subskription des 2019er Jahrgangs um 30% gesenkt, worauf viele andere mitzogen. Weinliebhaber, die jetzt ein paar Euro fürs Aufstocken ihres Weinkellers erübrigen können, werden All in gehen. Denn lange wird diese Baisse wohl nicht anhalten. Und worin ließe sich besser investieren als in zukünftige Genussfreuden?

Hier die Weine, die mich bei der Verkostung besonders beeindruckt haben. Ich werde mich auch mal an Punktevergabe wagen, wohl wissend, dass das alles noch vage ist. Nehmt es also mit vorsichtiger Skepsis zur Kenntnis, liebe Leser. Es ist nicht mehr als ein Fingerzeig.

Saint Emilion: Château La Gaffeliere (95+/100), Château Yon Figeac (95+/100), Château Haut-Brisson (93+/100) Château Cadet Bon, Château Cantin, Château Pressac (alle 92+/100)
Pomerol: La Conseillante (96+/100), L’Eglise (93+/100), Clos Beauregard (92+/100)
Haut-Medoc: Château Citran (92+/100), Château Lamarque (92+/100)
Margaux: Château Labegorce (93+/100)
Saint-Julien: Château Leoville Barton (95+/100)
Saint-Estephe: Château Phelan Segur (96+/100)
Sauternes: Château Bastor Lamontagne (91+/100)

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Samstag, 30. Mai 2020

Die passenden Weine zur FrĂĽhsommerkĂĽche

Kombiniert man guten Wein mit gutem Essen, kann das Geschmackserlebnis durchaus ein lausiges sein. Aber wie lässt sich der Genussgau vermeiden und ein harmonisches Zusammenspiel realisieren?

Vermeidungsstrategien sind das Grundgerüst für eine genussvolle Liason von Essen und Trinken. Es ist wichtig zu wissen, welche Weine zu welchen Speisen grundsätzlich gemieden werden sollten, wobei Sommeliers mit großer Expertise bei ihren Empfehlungen gelegentlich davon abweichen, weil sie genau wissen, in welchen Fällen Ausnahmen die Regel bestätigen. Die bekannteste Regel ist diese: Kein Rotwein zu Fisch! Eine Regel, die vor wirklich grauenvollen Geschmackserlebnissen schützen kann. Wenn plötzlich der Rotwein einen metallischen Nachgeschmack am Gaumen entwickelt, liegt das an einem in Rotwein häufig vorkommenden erhöhten Eisenanteil, der in Weißwein so nicht zu finden ist. Eine Studie von Takayuki Tamura und Mitautoren vom Product Development Research Laboratory in Fujisawa (Japan) konnte diesen Zusammenhang in einer Untersuchung aus dem Jahre 2009 eindrucksvoll bestätigen. Leichte Rotweine, vor allem Burgunder können als Ausnahme von der Regel funktionieren, wenn gegrillte oder gebratene fettreiche Fische serviert werden, zum Beispiel Lachs oder Tunfisch. Spargel ist auch ein heikler Weinpartner, mit Vinaigrette kombiniert sogar ein bissiger Weinzerstörer. Mit Butter gereicht, offenart sich Spargel dagegen reichlich handzahmer. Da kann zum Beispiel ein trockener Chardonnay oder Weißburgunder die passende Begleitung sein. Hier mal eine kleine Liste von Kombinationen zu Frühsommergerichten, die ich in guter Erinnerung habe. Es passen natürlich auch ähnliche Weine anderer Winzer:

Spargel mit Butter, Drillingen, luftgetr. Rohschinken // Chardonnay Trocken, F. Becker (DE, Pfalz)
Gazpacho // Sauvignon Blanc Trocken, Weingut Knipser (DE, Pfalz)
Tortilla // TobĂ­a DaĂ­mon, Crianza (ES, Rioja)
Gegrillte Lammkoteletts // Nectar des Betrtrands (FR, Blaye, CĂ´tes de Bordeaux)
Paella // SolĂ  Fred Rosat (ES, Montsant)
Guacamole // Riesling Kabinett Trocken, Hermann Dönnhoff (DE, Nahe)
Erdbeeren mit Schlagsahne // Château Doisy-Vedrines (FR, Sauternes)

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Donnerstag, 26. Dezember 2019

Vom Genuss alter Weine

Läuft bei mir gerade nicht. Ich sag’ nur: Augen auf beim Geländelauf! Downhill, Kurve, Wurzel, Rumms. Vorderes Kreuzband gerissen, Meniskus gerissen, dazu diverse kleine Kollateralschäden. Operation war unumgänglich, und das kurz vor Weihnachten.

Nun ist ja die Einkauferei vor den Feiertagen schon mit gesunden Haxen abstrengend genug. Auf eineinhalb Beinen mit Gehstützen mag man sich die Sache gar nicht erst ausmalen, es sei denn man ist Masochist. Immerhin können heutzutage Online-Bestellungen das Problem mildern. Beim Kochen aber schlägt die Unbeholfenheit voll durch. Jeder, der mal an Krücken in der Küche gewirkt hat, weiß, was ich meine. Zubereitungstechnisch anspruchsvolle Gerichte kann man da vergessen.

Da heißt es also, früh genug den Druck rausnehmen, und sich irgendwie auf leichte Art und Weise Genuss verschaffen, wenn man sich das Fest nicht verderben will. Zum Beispiel hätte ich mir eine Trüffelknolle bei Bosfood bestellen, und einfach über schlichte Pasta oder Kartoffelsuppe hobeln können – die Sache mit dem Essen wäre geritzt gewesen. Aber diese Lösung fiel mir leider erst viel zu spät ein. Vielleicht lag die Einfallslosigkeit  am Oxycodonrausch, den mir die Ärzte im Krankenhaus genehmigten, weil so eine Operation am Kreuzband schon reichlich autsch ist. Klar denken war da nicht. Also keine Trüffel. Stattdessen Lammkeule mit Wurzelgemüse in den Ofen geschoben. Notlösung.

Glücklicherweise war mir aber noch ein anderer Gedanke gekommen, wie ich dem drohenden Genussmangel zu Weihnachten entkommen könnte: Ich nahm Kontakt zu meinem alten Weinfreund Uwe Bende auf, der viele Jahre auch bei uns in der Jury zum rewirpower-Weintest aktiv war. Uwe hat sich schon lange auf den Handel mit Weinraritäten spezialisiert. Mit großem Erfolg sucht er in ganz Europa nach außergewöhnlichen alten Flaschen, die oft über Jahrzehnte vergessen in tiefen Kellern schlummerten.

Mit dem Aufstöbern allein ist es für ihn aber meist nicht getan. Schließlich gilt es sicherzustellen, dass es sich bei den Weinen nicht um Fälschungen handelt. Und da ufern seine Recherchen gelegentlich in echte Detektivarbeit aus. Um kein Opfer betrügerischer Offerten zu werden, geht Uwe Bende weit zurück in die Vergangenheit, beschäftigt sich mit den Abläufen der Abfüllung im 19. und frühen 20. Jahrhundert, dem Design der Flaschen zu dieser Zeit, den Lagenbezeichnungen auf den Etiketten. Mir erzählte er mal: „Wer nicht weiß, wie eine mundgeblasene Flasche oder ein gezogener Hals aussieht und auch die Merkmale nicht kennt, die gewissen Zeiten zuzuordnen sind, der erwischt viel schneller mal eine gefälschte Flasche. Zu den besonders häufig gefälschten Raritäten zählen die Flaschen des renommierten belgischen Abfüllers Vandermeulen, der von Beginn des 20. Jahrhunderts bis etwa 1955 nicht zuletzt zahlreiche Premier Cru aus dem Bordeaux vom Fass auf die Flasche füllte. Die Vandermeulen-Flaschen weisen zahlreiche unverkennbare Merkmale an der Flasche, an der Kapsel und am Korken auf. Das Problem ist nur, dass der Korkbrand nicht das Château, also den Erzeuger des Weins kennzeichnet, sondern den Abfüller Vandermeulen. So kann mit einem einfachen Austausch des Etiketts aus einem mittelklassigen Bordeaux ein 1er Cru Classé gezaubert werden. Am besten kaufst du als Raritätensammler also direkt aus einem Keller, wo erkennbar ist, dass die Flaschen dort mit hoher Wahrscheinlichkeit seit Jahrzehnten nicht bewegt wurden.“

Es ist erstaunlich, wie sehr der Handel mit alten Weinen floriert. Vor allem wenn sich runde Geburtsjahrgänge mit sehr guten Weinjahrgängen ĂĽberschneiden, wird das Geschäft interessant. FĂĽr 2020 ist damit zu rechnen, dass es einen Run auf 1970er Bordeaux geben wird, der beste Jahrgang zwischen 1961 und 1982, zudem war das Jahr mit hohem Ertrag gesegnet. Aber Vorsicht!  „Viele Weinsammler werden relativ schnell blind, wenn der Preis auĂźergewöhnlich attraktiv ist. Und nicht selten entpuppt sich ein Schnäppchen später als Fake. So findet man immer mal wieder gefälschte Flaschen bei eBay und auch bei Auktionveranstaltungen im In- und Ausland,” warnt Uwe.

Ich hatte mir nun also bei Uwe einen alten St. Emilion geordert: 1962 Château Magnan La Gaffeliere. In St. Emilion erwachte Mitte der 1980er Jahre meine Liebe zum Wein, damals beim Besuch eines Grand Cru Weinguts mit einem anschließenden Abendessen im Privathaus der Eigentümer. Werde ich nie vergessen. Château Magnan La Gaffeliere übrigens zählt seit zwei Jahren zum Besitz des Hauses Jean-Pierre Moueix, unter anderem auch Eigentümer des legendären Château Petrus in Pomerol. Magnan La Gaffeliere hat heute den Status eines Grand Cru.

Und wie war sie nun, die Begegnung mit dem Wein aus 1962? Kurz gesagt: Faszinierend! Erstaunlich, wie gechmeidig sich dieser eher kleine Wein aus dem guten, oft unterschätzten Jahrgang 1962 noch präsentierte. Natürlich haben derart reife Weine in Farbe, Geruch und Geschmack kaum noch etwas gemein mit genussreifen jüngeren Tropfen. Das sollte der Konsument auf dem Schirm haben. Die Farbe am Glasrand zeigte deutliche Orange- und Bernsteintöne. In die Nase stieg ein Duft aus Nuancen von Zedernholz, Tabak und erdigen Noten. Im Geschmack kaum mehr Tannine spürbar, was zu erwarten war, trotzdem blieb dieser Wein noch bis zum letzten Schluck stabil. Und so hatte ich ihn dann doch noch, meinen Genussmoment zu den Feiertagen.

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Dienstag, 12. November 2019

Panizzi: Wie aus dem unterschätzten Vernaccia ein Spitzenwein wurde.

Angiolino Amato vom Weingut Panizzi

Es ist bereits einige Wochen her, da lernte ich den wunderbaren Angiolino Amato kennen. Angiolino ist Markenbotschafter des toskanischen Weinguts Panizzi und ein alter Freund des inzwischen verstorbenen GrĂĽnders Gianni Panizzi. Die von mir sehr geschätzte Sommeliere Christine Dördelmann, Verkaufsleiterin bei Schlumberger, hatte mich zu einer Verkostung in die Essener Osteria da Pandi eingeladen, bei der es um die Weine von Panizzi gehen sollte. “Freu’ dich auf wirklich auĂźergewöhnliche Vernaccia Weine,” sagte sie mir, und hinterlieĂź damit ein kleines Fragezeichen in meinem Kopf. Vernaccia? AuĂźergewöhnlich? Ich hatte schon mal davon gehört, dass es auch sehr guten Vernaccia geben soll, aber noch nie Gelegenheit gehabt, solchen probieren zu können. Bekannt ist die Rebsorte, die eigentlich Canaiolo Bianco heiĂźt, nämlich eher fĂĽr Allerweltsqualitäten. Dass Vernaccia auch als Synonym fĂĽr diverse italienische Weine mit beigefĂĽgter Ortsbezeichnung benutzt wird, macht die Differenzierung fĂĽr Unwissende noch schwerer. Aber ich wollte ja nun zu einem Wissenden werden.

Angiolino erwies sich jedenfalls als bestmöglicher Lotse für eine geführte Vernaccia-Weinprobe. Kundig und kurzweilig erzählte er von der Geschichte des Weinguts Panizzi, eingebettet in die Geschichte der toscanischen Weinbauregion, zu der die Ortschaft San Gimignano gehört, wo Panizzi zuhause ist. Gianni Panizzi kaufte das Weingut 1979, arbeitet mit einem namhaften Oenologen zusammen, der ihn beriet und erntete zehn Jahre später den ersten Wein. Immer mit dem Anspruch, das beste aus dem heimischen Vernaccia herauszuholen. Das gelang recht schnell. Schon in der 2001er Ausgabe des Gambero Rosso, maßgeblicher Wine Guide für Tropfen aus Italien,  erhielt die 1998er Abfüllung die Höchstbewertung von 3 Gläsern. Längst hat das ganze Anbaugebiet von Panizzis Initiativen und Anstrengungen profitiert, darf es doch heute das höchste offizielle Qualitätsiegel für Weine aus Italien für sich beanspruchen: DOCG.

Meine besondere Begeisterung weckten der Vigna Santa Margherita und der Riserva, wobei auch Chianti und Rosato großen Eindruck auf mich machten. Sie alle zeichnet individueller Charakter aus. Da langweilt keine international austauschbare Stilistik, sondern Mineralität, Frucht, Säure und Alkohol kulminieren zu finessenreichen Kreszenzen, die ein ums andere Mal zum Riechen, Schlürfen und Trinken verführen. Wer gerne selbst probieren möchte, kann bei einem Besuch in der Osteria da Pandi zur guten italienischen Küche einen Wein von Panizzi trinken. Und ein genussreicher Abend ist gesichert.

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Freitag, 20. September 2019

17. rewipower-Weintest: Warum es sinnvoll ist, beim Fachhändler vor Ort zu kaufen.

Ich bin wirklich stolz auf unsere Jury. Seit 2003 sitzen wir einmal im Jahr beisammen, um Weine von Fachhändlern aus der Region zu verkosten und die besten auszuzeichnen. In diesem Jahr war Patrick Jabs von lecker werden unser Gastgeber und hat uns 1a Rahmenbedingungen geschaffen, danke Patrick! Für viele von uns ist die aktuelle Preisgrenze von 8 Euro pro Flasche, die wir beim rewirpower-Weintest festgelegt haben, der untere Bereich dessen, was man so trinkt, wenn man Lust auf eine gute Flasche Wein hat. Andererseits liegt der durchschnittliche Endverbraucherpreis für eine Flasche Wein in Deutschland bei 2,19 Euro, wie es das Deutsche Weininstitut in seiner Jahresstatistik ausweist.

Als Weintrinker sollte man also erwarten können, dass ein Wein im Preissegment zwischen 6 und 8 Euro überdurchschnittliche Qualität hat, wenn man schon einen überdurchschnittlichen Preis dafür bezahlt. Nun sind wir Deutschen nicht gerade dafür bekannt, gerne viel Geld für gutes Essen und Trinken auszugeben. Im Gegenteil, Deutschlands Lebensmittelmarkt gilt als der preislich am härtesten umkämpfte unter den Industrienationen der Welt. Und die Doppelmoral feiert Kirmes, weil wir Bundesbürger trotzdem erwarten, dass Lebensmittel und Getränke top sind, obwohl man sie für Niedrigstpreise erwerben will. Das funktioniert natürlich nicht, weder bei Gemüse, Fleisch und Käse noch bei Wein.

So ist die Preisgrenze von 8 Euro, die wir für den rewirpower-Weintest festgelegt haben, Ergebnis der Überlegung, einen Preisbereich in den Blick zu nehmen, der für die einen Maximalbetrag, für die anderen Einstiegspreis für Alltagsweine ist. Unsere Auswahl soll also für alle funktionieren, das war und ist immer der Plan. Nun fragen mich immer wieder Leute: Warum testet ihr keine Supermarktweine? Meine Antwort: Weil Weine im Supermarkt oder beim Discounter kaufen keine gute Idee ist, wenn man einen Tropfen finden will, der einem persönlich wirklich schmeckt. Denn dort kann der Kunde nicht probieren und vergleichen. Beim Fachhändler vor Ort sehr wohl. Mehr noch, er erfährt dort etwas über den Winzer und unter Umständen auch noch, welches Essen zu diesem oder jenem Wein am besten passt. Entscheidend ist doch, dass jeder den Wein seines Geschmacks findet. Und das geht am besten beim Fachhändler vor Ort. Genau das will der rewirpower-Weintest unterstützen.

Sicher gibt es auch den einen oder anderen Wein im Supermarkt, der gut gemacht und für unter 8 Euro zu haben ist. Aber so einen Wein kauft man blind, man kann ihn nicht probieren und niemand erzählt einem etwas darüber. Wer nun wissen will, welche Weine uns in diesem Jahr am meisten überzeugt haben, der findet hier alle Einzelheiten. Und kann sogar Probierpakate mit den drei besten Weißen und Roten bestellen und bei einem Händler seiner Wahl persönlich abholen.

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Freitag, 13. September 2019

Flop 8: Wo Wein und Essen selten Freunde werden

Das Leben ist zu kurz für schlechte Weine lautet ein Allgemeinplatz vinophiler Genießer. Fünf Euro ins Phrasenschwein, würden Fußballfans sagen, so sie denn mit den Gepflogenheiten in der Fernsehsendung Doppelpass vertraut sind, wovon ich ausgehe, sonst wären es keine Fußballfans.

Manchmal – und ja, jetzt wird es spitzfindig – ist der Wein aber nicht schlecht, sondern er schmeckt nur schlecht. Ist das nicht das Gleiche, werden sie vielleicht verwundert fragen? Ist es nicht. Beim Teutates, sogar ĂĽberhaupt nicht! Die TĂĽcken liegen oft an den Begleitumständen seines Genusses. Sie wundern sich, warum ein Wein, von dem Sie schon mindestens zehn Flaschen des selben Jahrgangs in den letzten Monaten getrunken haben, plötzlich keinen SpaĂź mehr macht? Sie mutmaĂźen, der Tropfen tauge nichts mehr, weil ĂĽberlagert oder MontagsabfĂĽllung, oder was auch immer? Nehmen Sie das Essen als möglichen Ăśbeltäter ins Visier, und die Erkenntnis wird Ihnen wie Schuppen aus den Haaren, ähem, von den Augen fallen. Ja, ich seh’s ein: 5 Euro ins Phrasenschwein.

Wir Weintrinker spielen die Weingenussgefährdung durchs Essen gerne herunter. Wird schon passen, ungefähr. Denken Sie bloß nicht, ich sei vor derartigen Katastrophen gefeit. Mein Gehirn ist auch nicht immer eingeschaltet. Vor allem dann nicht, wenn mich Heißhungerattacken auf Chips oder Erdnüsse befallen und der Wein, der vom Abendmahl übrig blieb, als Begleiter herhalten muss, nur weil ich zu faul bin, in den Keller hinabzusteigen und Bier raufzuholen. Die einzige Bank, wenn es darum geht, salziges Knabberzeug geschmacksverträglich runterzuspülen.

Und es gibt eine weitere Tücke, wenn es um die Liason von Wein und Speisen geht. Gerade Experten, ob echte oder halbgare wie ich, legen den Fokus auf die Frage: Welcher Wein passt zu welchem Essen? Ist schön und gut, für große Menüabende zu Feiertagen oder im Freundeskreis alles detailliert und langfristig im Voraus zu planen. Aber mal im Ernst: Wie viele Tage gibt es davon im Jahr? Im Regelfall ist es doch so, dass man Essen einkauft und vorbereitet und erst anschließend überlegt, welche Flasche man dazu aus dem Keller holt. Und nicht jeder hat daheim einen Keller, der für alle Eventualitäten gerüstet ist. So nimmt das Unheil seinen Lauf.

Ich habe mal meine persönliche Flop 8 zusammengestellt (zu mehr hat es – zum Glück für uns Weinfreunde – nicht gereicht). Zutaten und Gerichte über die ich aus Erfahrung sage: Wein besser weglassen.

Grünkohl mit Speck Gar nicht erst auf krumme Gedanken kommen, sondern gleich Bier aus dem Kühlschrank holen. Ich kann mir vorstellen, dass der hohe Anteil Apfel- und Citronensäure im Grünkohl (215/220 mg pro 100g) zur Unverträglichkeit mit Wein beiträgt.

Kaviar FĂĽr mich eines der größten und teuersten geschmacklichen Missverständnisse, ihn mit Champagner kombinieren zu wollen, wie das in feinen Kreisen gerne zelebriert wird. Akzeptabel ist, wenn ĂĽberhaupt, ein wuchtiger Vertreter aus der Prickelfraktion wie Bollinger. In Paris wurde mir mal bei einer privaten Einladung im kleinen, häuslichen Kreis Kaviar mit Blini und Sauerrahm aufgetischt. Dazu gab es Krimsekt brut. Ich hab’ nur kurz dran genippt (bbbrrr), und dann das Essen pur genossen.

Räuchermatjes Ohne Beilagen verspeist, passt nur Schnaps oder trockener Sherry. Räuchermatjes mit Guacamole, wie ich es gerne mal kombiniere, kann mit Chardonnay funktionieren, kann aber auch schiefgehen.

RĂĽhrei Ganz schwieriger Fall. Da passt nichts, auĂźer – theoretisch vielleicht – Champagner. Praktisch habe ich nach zwei Fehlversuchen aufgegeben, mehr von dem guten Zeug zu vergeuden. Wobei, da fällt mir ein: Vor zig Jahren hab’ ich mal bei Gerad Boyer im Les Crayerès zum FrĂĽhstĂĽck TrĂĽffelrĂĽhrei mit Champagner von Pommery (CuvĂ©e Louise) serviert bekommen. Und das passte sogar, wenn auch nur einigermaĂźen, was wohl am TrĂĽffel lag. Angesicht des Umstands, dass sowohl TrĂĽffel als auch CuvĂ©e Louise solitär betrachtet Köstlichkeiten sind, ganz sicher nichts, was unbedingt zusammen genossen werden sollte.

Salat mit Vinaigrette Die Säure des Essigs killt jeden Wein. Das pure Geschmacksmassaker.

Schokolade Über mögliche Kombinationen mit Wein habe ich schon viel zweifelhaftes Zeug gelesen. So wird Banyuls gerne als Empfehlung genannt, weil er im Aroma Noten von Kaffee und Vanille aufweist. Bei einer Verkostung, Anfang der Nuller-Jahre, haben wir mal in einem großen Kreis von Weinfreunden alle erdenklichen Kombinationen von Wein mit diversen Schokoladen (Vollmilch bis 99% Bitter) ausprobiert, und nur ein gespriteter Wein brachte erfreuliche Ergebnisse.

Spinat Ganz schwere Kost für jeden Wein. Geschmacklich ungefähr so, wie auf rostiger Stahlwolle herumzukauen.

Tomaten
Der Liebesapfel ist zu Wein gar nicht lieb, was an den sauren Noten im Aromaprofil liegt. Nur wenn die Säure durch Beilagen oder ergänzende Zutaten gut gepuffert wird, nimmt der Weingeschmack am Gaumen keinen Schaden.

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Dienstag, 04. Juni 2019

Es muss nicht immer Bier sein: Der passende Wein zur sommerlichen Grillparty

Wenn es um die Frage geht, welcher Wein zu welchen Speisen passt, holen Experten ganz tief Luft und aus zu einen epischen Vortrag. Gern beginnen sie den mit einem “Kommt drauf an …”. Auch ich werde oft gefragt, welchen Wein ich empfehlen wĂĽrde zu diesem oder jenem Gericht. Ich hole dann ganz tief Luft, sage “ich bin kein Experte” und leite meinen epischen Vortrag ein mit einem “kommt drauf an”. Ja, es kommt wirklich drauf an. Zum Beispiel, wie verwegen und aufgeschlossen die Tischgenossinnen und -genossen sind, denen man das Ganze serviert. Aber weil Gäste keine Versuchskaninchen sind, kommen nur Kombinationen in Betracht, die man selbst schon ausprobiert hat, deren Spannungsfeld fĂĽr den Gastgeber kein Neuland und deren Zumutbarkeit vertretbar ist. No risk, no fun ist nur was fĂĽr Leute die von Genuss keine Ahnung haben.

Nun bietet ein sommerliches Grillfest ein besonders hohes Kollisionsrisiko was Wein und Essen betrifft. Da haben wir den Salat als größte Gefahrenquelle. Genauer gesagt sind es säurelastige Vinaigrette, Mayonnaise und frische Tomaten die beinahe jede Kombination mit Wein kontaminieren. Bei Gegrilltem kann es ebenfalls problematisch werden, was aber selten am gegrillten Fleisch, Fisch oder Gemüse liegt, sondern an Dips, Saucen und Beilagen.

Was im Sommer ebenfalls eine Rolle spielt: die Lust auf kalte Getränke. Weil man in Deutschland praktisch veranlagt ist, kauft man zum Grillfest gerne kistenweise Bier, kühlt es eiskalt runter und gluckert es literweise weg. Ganz anders die Franzosen. So oft ich in den vergangenen Jahrzehnten dort war – Wein war immer das Hauptgetränk beim Barbecue. Nicht nur Weiß- sondern auch und besonders Rotwein gehörte dazu. Gegen den Durst wurde kaltes Mineralwasser getrunken, für den Genuss der Wein. Nicht, dass ich an einem bierseligen Grillfest irgendwas auszusetzen hätte, im Gegenteil, ich liebe solche Partys. Aber meine Freude ist dann besonders groß, wenn es Wein gibt und der auch noch mit Sinn und Verstand ausgewählt wurde.

Hier mal eine kleine Liste von Gerichten fĂĽr eine Grillparty und die dazu passenden Weine:

1. LÖWENZAHNSALAT MIT SPECK UND CROUTONS. Salatsauce wird nur aus Olivenöl, jungem Knoblauch und scharfem Senf hergestellt, der gegrillte oder gebratene Speck mit ein paar Spritzern Balsamico abgelöscht. Bratensatz lösen und mit in den Salat geben. WEIN: BEAUJOLAIS VILLAGES
2. PFĂ„LZER ODER FRĂ„NKISCHE BRATWURST MIT FOLIENKARTOFFELN Alternativ auch andere grobe BratwĂĽrste aus Schweinefleisch. WEIN: GEWĂśRZTRAMINER TROCKEN
3. KNOBLAUCH AUS DER ASCHE Simpler Imbiss, ideal für den späten Nachthunger auf jeder Party. Die Knoblauchzehen werden ungepellt in heißer Asche gegart, anschließend gepellt und mit etwas Butter auf Weißbrotscheiben gegessen. WEIN: JUNGER, FRISCHER WEISSBURGUNDER ODER SAUVIGNON BLANC
4.  GEGRILLTE CHAMPIGNONS MIT ESTRAGON-SENFSAUCE Dazu etwas Weißbrot servieren, fertig. WEIN: TROCKENER UND REIFER SPÄTBURGUNDER
5. COUSCOUS MIT GEMĂśSE z.B. Gegrillte Zucchini, Lauchzwiebeln, Paprika, Chili, Basilikum, Minze. WEIN: SYRAH

Die Weinempfehlungen sind ĂĽber die Jahre durch viel Ausprobieren entstanden und als Anregung zu verstehen, es mal mit Wein zum Barbecue zu versuchen. NatĂĽrlich gibt es noch reihenweise gute oder gar bessere Optionen. Ideen gerne an mich weiterleiten. Ich bin ein wissensdurstiger Zeitgenosse.

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Dienstag, 19. März 2019

Der kompottsurfer auf der ProWein: O’zapft is!

Keine Sorge, ich bin nĂĽchtern und hab’ mich auch nicht in der Veranstaltung vertan. DafĂĽr liegen das MĂĽnchener Oktoberfest und die internationale Fachmesse ProWein in DĂĽsseldorf räumlich wie zeitlich zu weit auseinander. Was also  – werden Sie zurecht fragen – hat dieser bierselige Ausruf in einem Beitrag ĂĽber eine Weinmesse zu suchen? Gegenfrage: Was hat Bier auf einer Weinmesse zu suchen?

Kein Witz, vor ein paar Wochen wurde ich von einer Medienagentur per Mail tatsächlich darauf aufmerksam gemacht, dass die legendäre DĂĽsseldorfer Altbierbrauerei Uerige auf der ProWein einen Stand unterhalten wird. Okay, dachte ich, soll fĂĽr die knapp 60.000 Besucher aus aller Welt vielleicht ein bisschen Lokalkolorit ins Messegeschehen bringen. Zumal DĂĽsseldorf eine Bierstadt ist. Aber dann entdeckte ich im Ausstellerverzeichnis eine ganze Reihe Craft-Beer-Produzenten. Damit nicht genug: Die Toten Hosen sind auch als Gäste der ProWein angekĂĽndigt. Der aufmerksame kompottsurfer-Leser wird sofort aufmerken und rufen: Ja, die machen doch mit dem namhaften Weingut Tesch zusammen ihren eigenen Tropfen WeiĂźes Rauschen. Aber nein, sie kommen wegen Bier. Hosen Hell heiĂźt es und soll in KĂĽrze den Markt erobern. Und die bereits erwähnte Brauerei Uerige bringt den Stoff auf die Flasche. Ein untergäriges helles Bier im Namen einer DĂĽsseldorfer Kultband? Sollte ich Campino und Co. auf der Messe treffen, werde ich ihnen ein lautstarkes “Ja sind wir im Wald hier, wo bleibt unser Altbier!”entgegenschleudern. Zum GlĂĽck bin ich kein DĂĽsseldorfer, sonst wĂĽrde ich vermutlich handgreiflich und den Jungs ihr Zeug ĂĽber die RĂĽbe kippen.

Ja, mich irritiert das mit dem Bier auf der Weinmesse, werden Sie im Verlauf des Beitrags schon gemerkt haben. Mag sein, ich bin nur furchtbar altmodisch. Aber mich wĂĽrde auch ein Toten-Hosen-Konzert verstören, bei dem im Vorprogramm ein Schlagersänger aus dem Ort als Einheizer auftritt. Hinkt der Vergleich? Ach was. Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich, wer wĂĽsste das besser als ich mit meinen zahlreichen Sportverletzungen. Wo war ich? Ach ja, das Bier und der Wein. Also, ich mag beides, aber bitte nicht durcheinander. Höchstens nacheinander, wie es die Hosen im Altbierlied singen: “Machen wir ‘ne Herrentour an die schöne Ahr, trinken wir Burgunder nur, das ist sonnenklar! Spätestens um Mitternacht ist die Sehnsucht groĂź, nach dem Glas vom Altbierfass und der ganze Verein brĂĽllt dann los: Ja sind wir im Wald hier …”.

Soll man nicht glauben, aber ernsthaft Wein probiert hab’ ich im Verlauf der Messe trotzdem noch. Traditionell beginne ich den Messebesuch am Stand der Pfalzwein e.V. mit einer Präsentation von Markus Del Monego, seit Jahr und Tag auch geschätzter Mitstreiter bei unserem rewirpower-Weintest. Immer geht es um die Verbindung von Pfälzer Weinen mit diversen Speisen. FĂĽr 2019 stand die Grumbeere auf dem Programm. WĂĽrde ich nicht so häufig die Pfalz bereisen, hätte ich mir – dem Namen nach – darunter irgendein ein neumodisches Superfood vorgestellt. Aber nein, wir reden von der Pfälzer Kartoffel. Neben Wein das zweite landwirtschaftliche Hauptprodukt der Region. Es wurde in der KĂĽche mit drei unterschiedlichen Sorten hantiert, wobei mich die sattgelbe Melody am meisten beeindruckt hat. Was fĂĽr ein Aroma! Serviert wurden Schupfnudeln mit Sauerkraut, Pellkartoffeln mit Schnittlauchquark, Bratkartoffeln mit Bratwurst, Kartoffelstampf mit gebackener Blutwurst und Kartoffelknödel mit Bio Glanrind-Gulasch. Dazu probierten wir je zwei Weine im Vergleich, um herauszufinden, welcher Wein zu welchem Essen am besten passt. Die Meinungen gingen oft auseinander, meist bildeten sich etwa zwei gleich groĂźe Lager. Ausnahme: die Schupfnudeln mit Sauerkraut. Da teilten nur eine handvoll der 60 Teilnehmer meine Präferenz fĂĽr den trockenen MĂĽller-Thurgau vom Weingut Rosenhof anstelle eines feinherben Silvaners von der Kallstadter Winzergenossenschaft. FĂĽr mich war das dominante Sauerkraut mit der leichten SĂĽĂźe des Silvaners kaum vereinbar.

Gleich im Anschluss besuchte ich den beim rewirpower-Weintest ĂĽber Jahre erfolgreichsten deutschen Winzer an seinem Stand in Halle 14. Claus und Bärbel Wolf vom rheinhessischen Weingut Köster-Wolf nahmen sich erfeulicher Weise reichlich Zeit, mir ihre aktuelle Kollektion vorzustellen, darunter neue CuvĂ©es, an deren Entstehung die beiden Söhne Max und Ferdi maĂźgeblich beteiligt waren. Sehr gespannt sein darf man auf den jĂĽngsten Eisweinjahrgang des Hauses, der erst im Januar eingefahren werden konnte, zu einem Zeitpunkt als man bei Köster-Wolf schon kaum mehr daran glaubte, dass es noch klappt mit einer erfolgreichen Ernte der rosinigen Trauben. Ganz ohne Botrytis, wie Claus Wolf berichtet. Dieser Schimmelpilz, so er denn voll ausgereifte Trauben befällt, gilt vielen SĂĽĂźweinliebhabern als qualitätssteigernd. Er erhöht die Konzentration an Zucker und sorgt fĂĽr eine Veränderung des ursprĂĽnglichen Aromenspektrums. FĂĽr die SĂĽĂźweine des französischen Anbaugebiets Sauternes wie Chateau d’Yquem ist das ein Markenzeichen. Ich bin ein Fan von Sauternes, nur damit keine Missverständnisse aufkommen, aber wer einmal perfekte Eisweine ohne Pilzbefall verkostet hat, wird auch diese Weine lieben.

Apropos Weine zum Verlieben: Zwei großartige Weingüter haben mich mit ihren Kreszenzen im Verlauf der Messe besonders begeistert. Das eine kenne und schätze ich schon eine Weile, Celler Vall Llach, ein Priorat-Weingut  aus dem katalonischen Porrera, wohin ich bei meinem nächsten läuferischen Aufenthalt in den Pyrenäen unbedingt mal einen Abstecher machen muss. Sehr dankbar war ich auch für eine Entdeckung aus Sizilien, die mir Christine Dördelmann – ebenfalls geschätzte Kollegin in der rewirpower-Weintest-Jury – am Stand von Schlumberger vorstellte: Tenuta delle Terre Nere. Das Weingut bewirtschaftet Einzellagen am Ätna. Darunter solche, auf denen noch sehr alte Rebstöcke stehen und die von der Reblauskatastrophe verschont geblieben waren, was der Winzer auf den Lavaboden zurückführt, der wohl ein Graus für die Laus ist. Für die Rotweine verwendet man die autochthonen Rebsorten Nerello Mascalese und Nerello Cappuccio. Ich konnte einige sehr elegante, wunderbar ausbalancierte Rote probieren, die so gar nichts von dem hochkonzentrierten marmeladigen Typus haben, den ich bei süditalienischen Weinen so fürchte.

Was nehme ich mit von dieser Messe? Ganz klar: eine wiedererwachte Lust auf internationale Neuentdeckungen.

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Donnerstag, 18. Oktober 2018

Die Mär vom unschlagbar günstigen Discounter-Wein und die Besonderheit des rewirpower-Weintests.

Der 16. rewirpower-Weintest ist ein paar Wochen vorbei, die Probierpakete mit den Siegern sind zusammengestellt (hier kann man ordern), und wie jedes Jahr werde ich von unterschiedlichen Leuten gefragt, ob denn die Fachhändler mit ihrer Weinauswahl – gleiches Qualitätsniveau vorausgesetzt – nicht deutlich teurer seien als die Discounter, deren Angebote in den letzten Jahren, das ist unbestritten, besser und besser geworden sind.

Ich hole dann gerne etwas aus, wie das so meine Art ist. Und verweise auf meine Ursprungsidee zum rewirpower-Weintest. Es beginnt damit, zu erklären, dass wir aus einem schier unerschöpflichen Reservoir Roter und Weißer die ganz besonderen Tropfen herauspicken wollen. Weine aus einem für viele Konsumenten erschwinglichen Preissegment, die aktuell besonders hohen Trinkgenuss bieten. Die Vorauswahl treffen Fachhändler aus der Region. Sie suchen aus ihrem Angebot Weine unter 8 Euro Verkaufspreis heraus, denen sie gute Chancen einräumen, unsere kritische Expertenjury zu überzeugen. Seit 15 Jahren stellen wir die besten drei Roten und Weißen zu einem Probierpaket zusammen, das online bestellt, aber nur vor Ort beim beteiligten Fachhändler abgeholt werden kann. Warum das so ist, hat mit der Ursprungsidee zu tun. Nämlich, es auch Einsteigern leichter zu machen, Weine nach ihrem Geschmack zu finden, was mit dem Probierpaket schon recht gut funktioniert. Langfristig betrachtet aber noch besser ist, wenn man seine Weine eben nicht hauptsächlich im Supermarkt sondern beim regional ansässigen Fachhändler kauft. Wo probiert werden kann und kundig beraten wird. Diesen Weg zu ebnen, auch dafür ist der rewirpower-Weintest gedacht. Die Idee mit den Probierpaketen haben längst auch große Zeitungen und Magazine übernommen. Vollkommen uneitel könnten wir sagen: Oft kopiert, nie erreicht.

Als wir die Idee 2003 in die Tat umsetzen, war das Ganze noch ein Projekt mit ungewissem Ausgang. Und eine große Herausforderung. Nicht zuletzt organisatorisch. Man bringe die Weine von sechs Fachhändlern aus dem Ruhrgebiet und Umgebung in eine Kiste und stelle sicher, dass auch an jedem Abholort die nötige Anzahl Vorbestellungen abrufbereit ist. Was bis heute tatsächlich unerreicht ist bleibt der Umstand, dass da ein Expertenteam Jahr für Jahr vorausgewählte Fachhändlerweine in einer Blindverkostung auf ihren Genusswert prüft und aus den besten davon eine Probierkiste zusammenstellt. Da spielt eben nur geprüfte Qualität eine Rolle und keine Verkaufsstrategie, irgendwelche überschüssigen Bestände unterzubringen.

Nun steht aber immer noch die Frage im Raum, ob Weine beim Discounter grundsätzlich günstiger zu haben sind als beim Fachhändler. Ganz unabhängig vom Umstand, dass man bei Letzterem probieren kann. Kürzlich machte ich – und das zum wiederholten Mal – die Erfahrung, dass der gleiche Wein beim Fachhändler günstiger ist als beim Discounter. Namen tun nichts zur Sache. Aber es ging um die Liebfraumilch des Pfälzer Weinguts Hammel. Eine restsüß ausgebaute Weißweincuvée aus 2017, die beim Fachhändler 5,95 Euro kostete und bei einem namhaften Discounter zeitgleich für 6,99 Euro im Regal stand. Das sind stattliche 17% mehr.

Und die Moral von der Geschicht? Unschlagbar gĂĽnstig ist das nicht.

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Montag, 24. September 2018

16. rewirpower-Weintest: So findet man die besten Tropfen unter 8 Euro.

Weine verkosten ist Arbeit. Auch wenn das niemand glauben mag, der nicht selbst schon vor einer langen Reihe neutral verpackter Flaschen gestanden, und deren Inhalt, Buddel für Buddel, kritisch schmeckend über die Zunge hat gleiten lassen, um schließlich aus jedem Schluck einen Spuck zu machen und ein Maul voll Wein in einen Kübel zu speien. Andererseits: Dem kompottsurfer kam zu Ohren, dass es sogar noch härtere Arbeit geben soll. Schwer zu glauben, aber auszuschließen ist das natürlich nicht. Also wollen wir mal nicht meckern, wir Tester.

Wie auch immer, die Arbeit für heute ist getan. Dreißig Fachhändler aus dem Ruhrgebiet und Ungebung hatten ihre besten Rot- und Weißweine unter 8 Euro für den Wettbewerb angemeldet, bei dem es jeweils nur drei aufs Podest schaffen konnten. Beim Weißwein kamen Zweidrittel der eingereichten Flaschen von Winzern aus Deutschland, bei den Roten war die Verteilung zwischen Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich nahezu ausgeglichen, dazu gesellten sich, unter anderem, Kreszenzen aus Österreich und Portugal.

Was uns am meisten erstaunte, war die Tatsache, dass es bei den Weißweinen weniger qualitative Ausreißer nach oben gab als in den Vorjahren. Ob es am geringen Ernteertrag des Jahrgangs 2017 lag, der hauptsächlich eingereicht worden war, und der möglicherweise auf das Qualitätsniveau in der untersuchten Preiskategorie insgesamt durchgeschlagen ist, darüber können wir nur mutmaßen. Da aber auf den vorderen Plätzen trotzdem überzeugende Weine aus 2017 landeten, zeigt das: Der Jahrgang hat auch im Preissegment unter 8 Euro etwas zu bieten. Wobei ganz oben auf dem Podest ein Wein aus Spanien steht.

Bei den Rotweinen gab es in diesem Jahr weniger Ausreißer nach unten als in den Vorjahren, was uns natürlich gefreut hat. Auch abzulesen an den Bewertungen der Tester für die einzelnen Weine. Der Sieger bekam durchweg von allen Testern die höchste Bewertung. Hinten raus, zwischen Platz 5 und 15, ging es deutlich enger zu. Das Rennen machten schließlich zwei Spätburgunder, weil es einfach die Rotweine mit dem aktuell höchsten Trinkgenuss sind. Gefolgt von einer Cuvée aus dem Roussilion.

Unsere Ansprüche sind hoch, das geben wir gerne zu. Und auch deshalb ist es Arbeit, aus einer Reihe Weine mit ähnlicher Charakteristik die Perlen herauszufischen. Manche Weine präsentieren sich im Geruch reizvoll, verflachen aber am Gaumen völlig. Andere wirken in der Nase verschlossen, entfalten sich dann aber über den Gaumen. Wir suchen Weine, die von vorne bis hinten reizvoll sind. Wo Alkohol, Säure und Fruchtsüße gut eingebunden sind, Typizität und Charakter erkennbar werden. Weine, wo das Trinken einfach Spaß macht. Die Korkfehler haben aufgrund der zunehmenden Schraubverschlussung der Weine in diesem Preissegment deutlich nachgelassen, kein Vergleich mehr zu den Anfangsjahren des rewirpower-Weintests, wo wir uns oft von mehr als einer handvoll Weine die Konterflaschen ziehen mussten.

Bedanken möchte mich ausdrücklich beim Gastgeber, Knut Hannappel, der sein Restaurant Hannappel in Essen-Horst als Probenort zur Verfügung stellte (wo man übrigens hervorragend tafeln kann), und natürlich bei meinem geschätzten Verkostungsteam, Christine Dördelmann und Sabrina Koos, Markus Del Monego und Oliver Speh sowie Hannappel-Küchenchef Tobias Weyers.

Und nun, tätä, die Ergebnisse (wer die Siegerweine im Probierpaket ordern möchte, bitte hier entlang):

Rotweine

1. 2015er Sasbacher Rote Halde Spätburgunder, Sasbacher Winzerkeller eG
2. 2016er Landerer Spätburgunder, Weingut Landerer
3. 2015er Dona Baissas, Dona Baissas
4. 2017er Castillo de Monte La Reina Joven, Monte La Reina
5. 2014er Salice Salentino Anticaia, Cantina San Donaci
6. 2017er Les Courtines, Caves de Cruzy
7. 2015er Mascoloso Appassimento Rosso del Veneto, Mascoloso, Terre di Campo Sasso
7. 2015er Altos de la Hoya Jumilla D.O., Bodegas Olivares
9. 2017er Cantina Due Palme Sangaetano Primitivo di Manduria Apulien, Cantine Due Palme
10. 2016er Appassionante, Ca’del Sette SrL
10. 2015er La Legua Roble, Bod. La Legua

WeiĂźweine

1. 2017er Falcata Blanco, Pago Casa Gran
2. 2017er GewĂĽrztraminer DĂĽrkheimer Nonnengarten, Winzer EG Herrenberg-H. Bad DĂĽrkheim
3. 2017er Lecker Weiss, Weingut Mack
4. 2017er UBY No. 1, Domaine Uby
5. 2017er Bischoffinger WeiĂźer Burgunder BB, Winzergenossenschaft Bischofflingen
5. 2017er Hochdörffer Weißburgunder Riesling trocken, Weingut Hochdörffer
7. 2017er Scheurebe von Simon MĂĽller-Oswald, Simon MĂĽller-Oswald
8. 2017er Grauburgunder, Matthias Gaul
9. 2015er Falkenstein, DĂĽrnberg Fine Wine GmbH
10. 2017er Le Rune Bianco di Custoza, Cantine Aldegheri

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